KI-Infrastruktur: Deutschland braucht viermal mehr Rechenleistung bis 2030

Digitalminister Wildberger verlangt massiven Ausbau der KI-Infrastruktur. Neue EU-Plattform und globale Milliardenprojekte treiben die Entwicklung an.

Das forderte Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) am heutigen Dienstag in Berlin. Der Grund: Deutschland und Europa hätten im Cloud-Geschäft historisch den Anschluss verloren. Nun müsse die Bundesrepublik massiv aufholen.

Rechenzentren als Standortfaktor

Die Bundesregierung hat eine neue Datenzentren-Strategie vorgelegt. Das Ziel: Die allgemeine Rechenleistung bis 2030 im Vergleich zu 2025 verdoppeln, die KI-spezifische Kapazität sogar vervierfachen. 28 Maßnahmen sollen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Wildberger appellierte an Investoren, den Ausbau als wirtschaftliche Chance zu begreifen.

Die Unternehmen im Land sehen das offenbar ähnlich. Eine Bitkom-Umfrage unter 603 deutschen Firmen ergab: 97 Prozent halten den Standort ihrer Server für entscheidend. Alle befragten Unternehmen bevorzugen Deutschland, 68 Prozent würden auch andere EU-Staaten wählen. China schließen dagegen 94 Prozent der Firmen als Standort kategorisch aus.

Berlin profitiert vom Hightech-Boom

Die Hauptstadt spürt den Aufschwung bereits. Berlin Partner meldet für das erste Halbjahr 2026 Investitionen von 1,4 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Zu den Investoren zählen Google, ASML und Mercedes. Schwerpunkte sind KI, Robotik und Automatisierung. Rund 3.000 neue Arbeitsplätze entstanden.

EU setzt auf digitale Souveränität

Einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit wagte das Europäische Parlament. Es testet seit dem 20. Juli eine teils autonome KI-Infrastruktur namens EPGenAI Hub. Die Plattform hostet offene Modelle wie Mistral und Llama auf europäischen Servern. Ein eingebauter „Killswitch“ soll verhindern, dass externe Jurisdiktionen das System abschalten können. Gleichzeitig bleibt der Zugang zu internationalen Modellen wie GPT-5 und Claude erhalten.

Anzeige

Während Europa massiv in eigene KI-Infrastrukturen investiert, müssen Unternehmen bereits heute komplexe rechtliche Rahmenbedingungen wie den EU AI Act beachten. Dieser kostenlose Download verschafft Ihnen den Überblick über Fristen, Pflichten und Risikoklassen, den Ihre Rechts- und IT-Abteilung jetzt dringend braucht. EU AI Act in 5 Schritten verstehen

Globale Milliardenprojekte

Die Privatwirtschaft reagiert mit gewaltigen Investitionen auf den KI-Boom. Der Betreiber Hut 8 vermeldete die Vollvermietung seines 1-Gigawatt-Campus Beacon Point in Texas. Ein bestehender Investment-Grade-Kunde unterschrieb einen zweiten 15-Jahres-Vertrag über 9,8 Milliarden Euro. Das Abkommen umfasst 352 Megawatt IT-Kapazität – insgesamt mietet der Kunde nun 704 Megawatt auf dem Gelände. Der Gesamtwert aller Verträge beläuft sich auf rund 19,6 Milliarden Euro.

Auch Neuseeland steigt ein: Die Regierung genehmigte das erste Mega-KI-Rechenzentrum des Landes. Die Datagrid-Anlage bei Invercargill umfasst 49 Hektar. Der anfängliche Strombedarf liegt bei 280 Megawatt, langfristig sind 1.000 Megawatt geplant.

Stromnetze unter Druck

Der rasante Ausbau belastet die globalen Energienetze massiv. Der IDCA Global Energy Report 2026 beziffert den Stromverbrauch des Sektors auf 67,7 Gigawatt – das sind 1,9 Prozent der weltweiten Stromerzeugung. In den USA entfallen rund sechs Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf Rechenzentren. Rund 13 Prozent davon verschlingen sogenannte „Zombie“-Anwendungen, die gar nicht mehr aktiv genutzt werden.

Anzeige

Die technologische Aufrüstung bringt nicht nur einen höheren Energiebedarf, sondern auch neue regulatorische Anforderungen und Cyberrisiken für Betriebe mit sich. Dieser kostenlose Report klärt auf, welche rechtlichen Pflichten und Bedrohungen Unternehmer jetzt kennen müssen, um ihre Firma langfristig abzusichern. Gratis-Report zu neuen KI-Gesetzen und Cyberrisiken

Stromknappheit wird zum Engpass. In Europa betragen Wartezeiten für Netzanschlüsse inzwischen bis zu zehn Jahre. Einige Länder reagieren mit drastischen Maßnahmen:

  • Israel: Die Elektrizitätsbehörde stoppte für 140 Tage alle neuen Anträge auf Rechenzentrumsanschlüsse ab acht Megawatt. Grund: Allein in zwei Monaten gingen Anfragen über 27 Gigawatt ein.
  • Irland: Neue Anlagen müssen künftig eigene Stromerzeugung mitbringen und binnen sechs Jahren 80 Prozent ihres Bedarfs aus erneuerbaren Quellen decken.
  • USA: Die Bundesenergieaufsichtsbehörde FERC erließ im Juni neue Tarifregeln für Co-Location und netzunabhängige Stromerzeugung.

Warnungen vor Überhitzung

Trotz des Booms warnen Branchenkenner vor Risiken. Greg Friedman, CEO der Peachtree Group, sieht eine mögliche Überversorgung durch die Rekordbauaktivität. Zudem drohe eine Schuldenmauer von 1,2 Billionen Euro im gewerblichen Immobiliensektor. Steigende Zinsen könnten die Refinanzierung von Großprojekten erschweren.

Klimabilanz bleibt Herausforderung

Die Umweltbilanz der Rechenzentren rückt zunehmend in den Fokus. Eine Studie in der Fachzeitschrift Energy & Fuels untersucht, ob CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS) die Emissionen senken könnte. Demnach könnten US-Rechenzentren bis 2030 mehr als 404 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr ausstoßen. Salzwasser-Aquifere in 34 US-Bundesstaaten böten jedoch ausreichend Speicherkapazität, um über 90 Prozent dieser Emissionen zu binden – sofern länderübergreifende Speicherung erlaubt wird.