Die Europäische Union reagiert auf wachsende Kapazitätslücken und neue US-Exportbeschränkungen für KI-Technologie mit einem überarbeiteten Strategieplan. Statt weniger Mega-Fabriken setzt Brüssel nun auf ein modulares System mit sieben KI-Rechenzentren.
Neue Ausschreibung: Mehr Standorte, kleinere Einheiten
Die EU-Kommission hat ihre ursprüngliche Vision von bis zu fünf riesigen KI-„Gigafabriken“ mit jeweils über 100.000 Hochleistungsprozessoren aufgegeben. Der neue Ansatz sieht sieben Zentren vor – vier mit mindestens 25.000 Grafikprozessoren (GPUs) und drei mit mindestens 40.000 GPUs.
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Das beschleunigt die Umsetzung erheblich: Modulare Rechenzentren können in Europa bereits nach 16 Monaten in Betrieb gehen, traditionelle Bauten benötigen 30 Monate. Ein öffentlich-privates Finanzierungsvolumen von rund 20 Milliarden Euro soll die Projekte absichern. Das Interesse ist enorm: 76 Interessenbekundungen aus 16 Mitgliedstaaten liegen vor.
Geopolitische Zuspitzung treibt europäische Eigenständigkeit
Hintergrund der Neuausrichtung sind verschärfte US-Exportkontrollen. Berichten zufolge hat die US-Regierung den KI-Entwickler Anthropic angewiesen, ausländischen Nutzern den Zugang zu seinen modernsten Modellen – darunter Claude Fable 5 und Mythos 5 – zu verwehren. Das weckt Ängste vor einem dauerhaften Technologie-Abhängigkeitsverhältnis.
Die Dominanz amerikanischer Hyperscaler ist eklatant: Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Der Anteil lokaler Anbieter sank von 29 Prozent im Jahr 2017 auf aktuell etwa 15 Prozent.
Die geopolitische Lage beeinflusst auch technische Grundsatzentscheidungen. Die europäische Internet-Registrierungsstelle RIPE NCC kündigte an, ihre Infrastruktur zwischen 2026 und 2028 von US-Cloud-Diensten auf einen selbst betriebenen Aufbau umzustellen. Grund sind der US-amerikanische CLOUD Act, der US-Behörden Zugriff auf Daten US-kontrollierter Firmen erlaubt – unabhängig vom Speicherort – sowie die EU-Regulierung NIS2.
Europäische KI-Modelle als Antwort
Die EU-Kommission hat am Freitag das EUROPA-Konsortium unter Führung des italienischen Unternehmens Domyn als Gewinner der „Frontier AI Grand Challenge“ ausgewählt. Ziel ist ein Open-Source-KI-Modell mit über 400 Milliarden Parametern, das alle 24 Amtssprachen der Union unterstützt.
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Stromnetz als Achillesferse
Die Kapazitätslücke ist gewaltig: Europas installierte Rechenzentrumsleistung lag 2025 bei 12 Gigawatt (GW) – weit hinter den USA mit 39 GW und China mit 19 GW. Analysten von Moody’s schätzen den Investitionsbedarf auf 250 bis 500 Milliarden Euro, um die Kapazität in fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen.
Das größte Hindernis: die Stromversorgung. In den wichtigsten europäischen Hubs – Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin – betragen die Wartezeiten für Netzanschlüsse fünf bis zehn Jahre. In London liegen einige Warteschlangen sogar in den 2040er-Jahren. Das treibt Investoren zunehmend nach Skandinavien und Südeuropa.
Italiens Netzbetreiber Terna hat 23 Milliarden Euro für Netzausbau zugesagt. Microsoft investiert umgerechnet rund 9,2 Milliarden Euro in einen Rechenzentrums-Hub in Portugal.
Industrie-KI als Trumpf
Auf der VivaTech-Konferenz am Freitag betonten Führungskräfte von SAP, Siemens und Mistral AI, dass Europas Stärke in der industriellen KI liege – nicht in Verbraucher-Anwendungen. Mistral AI, nach einer Finanzierungsrunde im September 2025 mit rund 12 Milliarden Euro bewertet, verhandelt aktuell über weitere 3,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen arbeitet bereits mit Airbus und BMW zusammen.
Obwohl europäische Rechenzentren 20 bis 30 Prozent teurer sind als US-amerikanische, pfognostiziert die SAP-Führung eine Verfünffachung des gesamten Software-Marktes innerhalb von fünf Jahren durch KI-Integration.
Die internationale Konkurrenz schläft nicht: Alibaba Cloud eröffnete diese Woche seine ersten französischen Rechenzentren in Paris – der dritte große Standort in Europa nach Deutschland und Großbritannien.

