Während die globale Wirtschaft auf Künstliche Intelligenz setzt, hinkt Deutschland bei den Investitionen massiv hinterher. Ein Ökonom warnt nun vor den Folgen.
Die Zahlen sind ernüchternd: Deutschland gibt weniger als ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Software aus. Zum Vergleich: Schweden investiert rund vier Prozent. Robin Winkler, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, schlug am Donnerstag Alarm. Ohne eine deutliche Steigerung der digitalen Ausgaben drohe Deutschland den Anschluss zu verlieren – besonders der Mittelstand hinke bei der Digitalisierung hinterher.
Doch der Chefvolkswirt sieht auch eine Chance. Der Nachholbedarf biete enormes Potenzial für Produktivitätssteigerungen durch KI. Angesichts des anhaltenden Arbeitskräftemangels könnte die Technologie helfen, Lücken zu schließen – nicht durch Jobvernichtung, sondern als Ergänzung.
Sicherheitsexperten fordern mehr Geld
Auch auf der Nationalen Cybersicherheitskonferenz am Mittwoch klang die Botschaft ähnlich. Vertreter von BSI und BKA wiesen auf ein massives Ungleichgewicht hin: Deutschlands jährliche öffentliche Ausgaben für KI-Entwicklung liegen bei rund 0,7 Milliarden Euro. Private Investitionen globaler Tech-Konzerne übersteigen diese Summe um ein Vielfaches – manche geben jährlich über 110 Milliarden Dollar aus.
Industrie-KI als Trumpf
Während Deutschland bei allgemeiner KI den Anschluss verliert, setzt die Industrie auf eine Nische: die Verbindung von traditioneller Fertigung mit intelligenten Systemen. Ein Beispiel ist Neura Robotics. Das Unternehmen sicherte sich kürzlich 1,4 Milliarden Dollar von Investoren wie Amazon, Bosch und Nvidia. Der Auftragsbestand für KI-gesteuerte Roboter liegt bei einer Milliarde Dollar.
Auch der Energiesektor profitiert vom KI-Boom. Siemens Energy meldete einen Rekordauftragsbestand von 154 Milliarden Euro im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026. Grund ist die hohe Nachfrage nach Stromnetztechnik und Gaskraftwerken – angetrieben durch den rasanten Ausbau von Rechenzentren in den USA und Europa. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass sich der globale Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf 945 Terawattstunden verdoppeln könnte.
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Europas Unternehmen zögern
Eine Studie der Europäischen Zentralbank zeigt: Nur sieben Prozent der Unternehmen im Euroraum nutzen KI intensiv. Über 70 Prozent setzen die Technologie nur moderat ein. Die intensiven Nutzer sind meist kleinere, jüngere Firmen aus dem IT-Sektor.
Interessant: Der Druck der Konkurrenz treibt die Entwicklung. Steigt die KI-Nutzung in einer Branche um zehn Prozentpunkte, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass andere Unternehmen nachziehen, um 1,9 Prozentpunkte. Fast alle intensiven Nutzer (99 Prozent) planen für 2026 weitere KI-Investitionen – teilweise bis zu 20 Prozent ihres Budgets.
Glasfaser-Lücke und Abhängigkeiten
Der Digital Decade Report der EU-Kommission vom 17. Juni zeigt Deutschlands Stärken und Schwächen. Das Land glänzt bei Halbleitern und Quantentechnologie, hinkt aber bei Konnektivität und digitalen Verwaltungsleistungen. Die Glasfaser-Abdeckung liegt bei 44 Prozent – weit entfernt vom Ziel von 100 Prozent bis 2030. Immerhin: 26 Prozent der deutschen Unternehmen nutzten 2025 KI. Das Ziel von 75 Prozent bis 2030 bleibt aber ambitioniert.
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Eine IBM-Studie offenbart ein weiteres Problem: Nur 13 Prozent der deutschen Firmen kennen ihre KI-Abhängigkeiten vollständig. Rund 65 Prozent berichten von Schwierigkeiten beim Wechsel des KI-Anbieters. Viele wären bereit, 20 Prozent höhere Kosten zu zahlen, wenn sie dafür mehr strategische Flexibilität und Datenhoheit bekämen.
Neue Regeln ab August
Der regulatorische Rahmen verändert sich. Am 2. August 2026 treten erste Transparenzpflichten des EU AI Acts in Kraft. Chatbots, Deepfakes und KI-generierte Inhalte müssen dann klar gekennzeichnet werden. Deutschland hat die Bundesnetzagentur als KI-Aufsichtsbehörde benannt und eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die speziell kleine und mittlere Unternehmen unterstützen soll.

