KI-Kampf um die Rechtsbranche erreicht neuen Höhepunkt

Der Markt für juristische KI befindet sich im Umbruch. Spezialisten wie Harvey wachsen rasant, während Generalisten wie Anthropic mit neuen Plugins etablierte Anbieter unter Druck setzen.

Der Wettlauf um die Vorherrschaft in der juristischen KI-Branche spitzt sich zu. Spezialisten wie das Startup Harvey expandieren aggressiv, während Tech-Giganten mit eigenen Lösungen den Markt aufmischen. Diese Woche sorgten zwei Entwicklungen für Furore und ließen die Aktien etablierter Anbieter einbrechen.

Harvey setzt mit Dallas-Expansion auf Nähe zum Kunden

Das juristische KI-Unternehmen Harvey baut seine Präsenz aus und eröffnet ein neues Büro in Dallas, Texas. Der Schritt markiert den Wandel vom Silicon-Valley-Startup zum eingebetteten Industriepartner. Die Expansion ist strategisch: Texas beherbergt 54 Fortune-500-Konzerne und zahlreiche Großkanzleien. „Vor Ort zu sein, ermöglicht tiefere Partnerschaften“, erklärt John Haddock, Harvey’s Chief Business Officer.

Hinter der physischen Expansion steht ein finanzieller Höhenflug. Das Unternehmen soll kurz davor stehen, weitere 200 Millionen Euro einzuwerben. Das würde seine Bewertung auf rund 10 Milliarden Euro heben. Harvey hat den Markt der Experimentierphase entwachsen sehen: Bis Ende 2025 erreichte es einen jährlichen wiederkehrenden Umsatz von 175 Millionen Euro. Großkanzleien wie Vinson & Elkins setzen die Tools bereits flächendeckend ein.

Anthropic zündet mit „Legal Plugin“ die Konkurrenz

Während Harvey auf Spezialisierung setzt, dringen Generalisten in den Markt ein. Der KI-Entwickler Anthropic stellte Anfang Februar ein juristisches Plugin für seine Claude-Plattform vor. Die Reaktion an den Märkten folgte umgehend: Die Aktienkurse etablierter Rechtsdienstleister wie Thomson Reuters und LexisNexis gaben nach.

Die Branche stellt sich nun eine zentrale Frage: Braucht es teure Speziallösungen, wenn General-KIs immer besser werden? Rechtsanalysten von Allens sehen Juristen vor der Wahl zwischen vertikalen Lösungen wie Harvey und leistungsfähigen horizontalen Modellen wie Claude. Die Kosten-Nutzen-Abwägung zwischen Allgemeinwerkzeugen und sicheren Spezialplattformen prägt das Jahr 2026.

2026: Das Jahr der Skalierung und neuen Rollen

Ein aktueller Bericht von Wolters Kluwer zeigt: Die Branche denkt nicht mehr in Pilotprojekten, sondern in Skalierung. Künstliche Intelligenz gilt nicht mehr als Zukunftsmusik, sondern als „Superkraft“ für administrative Effizienz. Die Agenda für 2026 ruht auf drei Säulen:

  1. Neudefinition von Kanzleibeziehungen: Mandanten nutzen Datentransparenz, um mehr Gegenleistung für ihr Geld zu fordern.
  2. Skalierung von KI: Der Fokus liegt auf der Bewältigung von Massenaufgaben jenseits der Testphase.
  3. Wandel der Berufsbilder: Juristische Teams sollen sich auf strategische Entscheidungen konzentrieren.

Die Akzeptanz steigt rasant. Laut Thomson Reuters nutzten Anfang 2025 bereits 26 Prozent der Juristen generative KI – Tendenz stark steigend. Die Angst vor dem Ersatz weicht der Fokussierung auf Ergänzung. Tools helfen bei der Zusammenfassung von Sachverhalten, im E-Mail-Management und bei der Rechnungsprüfung.

Hybrid-Strategien und regulatorische Hürden

Die etablierten Player wehren sich. LexisNexis brachte kürzlich ein Update für seine KI-Plattform Protégé General AI heraus. Das System kombiniert nun offene Webquellen, proprietäre Rechtsdatenbanken und interne Firmendokumente. Diese Hybrid-Strategie soll die Verlässlichkeit etablierter Rechtsprechung mit der Flexibilität generativer KI verbinden.

Gleichzeitig wächst der regulatorische Druck. Gerichte in den USA haben Ende 2025 und Anfang 2026 klargestellt: KI-Prompts und -Logs sind vor Gericht einklagbar. Unternehmen müssen den Umgang mit KI daher mit derselben Sorgfalt behandeln wie E-Mails oder andere elektronisch gespeicherte Informationen.

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Ausblick: Die Grenzen zwischen Tech und Recht verschwimmen

Das Jahr 2026 wird zum Jahr der praktischen Implementierung. Die Neuheit, mit einem Vertrag zu „chatten“, ist verflogen. Der Markt verlangt nun Tools, die komplexe Workflows autonom abwickeln können – von der Due Diligence bei tausenden Dokumenten bis zur Erstellung erster Schriftsätze.

Die Grenze zwischen Technologieunternehmen und Anwaltskanzleien verschwimmt zusehends. Die Gewinner werden jene sein, die diese Werkzeuge am besten in die menschlichen Arbeitsabläufe integrieren, die die Rechtsberatung nach wie vor prägen. Die Branche blickt gespannt nach Dallas – und auf die Börsenkurse der alten Giganten.