KI-Kampf um Europas Anwaltsbüros entbrannt

Der US-KI-Riese Anthropic stellt spezielle Tools für Anwälte vor und löst damit einen massiven Kurssturz bei etablierten europäischen Datenanbietern wie Wolters Kluwer aus.

US-KI-Riese Anthropic greift mit neuen Spezialtools den europäischen Rechtsmarkt an – Konkurrent Wolters Kluwer wehrt sich mit Expansion. Die Aktien der etablierten Datenanbieter stürzen ab.

Berlin/London – Die digitale Arbeitswelt europäischer Anwälte steht vor einem Umbruch. Innerhalb weniger Tage hat ein aggressiver Vorstoß aus dem Silicon Valley den Wettbewerb um die Vorherrschaft auf dem „legalen Desktop“ dramatisch verschärft. Die Folge: Milliardenwerte vernichten sich an der Börse, und die Anbieter müssen sich neu positionieren.

Silicon Valley greift an: Anthropic drängt in den Rechtsmarkt

Am Montag zog der US-KI-Gigant Anthropic die lange erwartete Reißleine. Das Unternehmen stellte spezielle Plugins für seine Cowork-Plattform vor, die gezielt auf Arbeitsabläufe in Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen zugeschnitten sind. Die neuen „agentischen“ Tools sollen die KI in einen Domänenexperten verwandeln, der etwa Vertragsprüfungen, Geheimhaltungsvereinbarungen (NDAs) und Compliance-Checks übernehmen kann.

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Der Clou: Die Software arbeitet eigenständig in mehrstufigen Prozessen, anstatt nur auf einzelne Befehle zu reagieren. Ein Vertragsprüfungs-Plugin nutzt eine „Playbook“-Methode. Es sucht nach vom Nutzer definierten Standardpositionen und Eskalationsregeln. Fehlt ein solches Playbook, greift das System auf allgemein anerkannte Handelsstandards zurück – und kennzeichnet seine Vorschläge klar als solche.

Anthropic betont, die Tools seien zur Unterstützung, nicht zum Ersatz von Anwälten gedacht. Die Ausgaben müssten stets von qualifizierten Juristen überprüft werden. Dennoch stellt der Vorstoß eine direkte Herausforderung für etablierte Anbieter dar, die bisher hohe Preise für ähnliche Automatisierungsfunktionen verlangten.

Europäische Antwort: Wolters Kluwer setzt auf vertrauenswürdige Inhalte

Als direkte Reaktion auf den wachsenden Wettbewerbsdruck kündigte der europäische Informationsdienstleister Wolters Kluwer heute die Markteinführung seiner KI-Arbeitsumgebung „Libra“ in Polen an. Nach erfolgreichen Starts in den Niederlanden und der Integration deutschen Rechtsmaterials setzt das Unternehmen damit seinen paneuropäischen Rollout fort.

Die Strategie offenbart einen grundlegenden philosophischen Unterschied: Während Anthropic vielseitige Sprachmodelle für Rechtsaufgaben adaptiert, setzt Wolters Kluwer auf „autoritative Inhalte“ als Wettbewerbsvorteil. Die Libra-Lösung kombiniert KI-Technologie mit den hauseigenen Rechtsdatenbanken des Unternehmens. Ziel ist eine „halluzinationsfreie“ Umgebung für Juristen.

„Die Kombination von verlässlichen lokalen Inhalten mit innovativer KI soll operative Spitzenleistungen ermöglichen“, erklärt Marcin Kleina, Geschäftsführer von Wolters Kluwer Legal & Regulatory in Polen und Rumänien. Die Strategie zielt auf digitale Souveränität und Genauigkeit ab – und spricht damit europäische Kunden an, die Vorbehalte gegen US-Modelle haben, die mit öffentlichen Internetdaten trainiert wurden.

Börsenschock: Milliardenwerte verdampfen

Die eskalierende Konkurrenz löste an den Finanzmärkten einen heftigen Ausverkauf aus. Die Aktien der großen europäischen Daten- und Rechtsverlage brachen am Dienstag deutlich ein, als Anleger die Zukunft ihrer lukrativen Geschäftsmodelle hinterfragten.

Die Zahlen sind drastisch: Der LexisNexis-Mutterkonzern Relx verlor in London fast elf Prozent an Wert. Pearson fiel um rund vier Prozent, während die London Stock Exchange Group und Experian jeweils über sieben Prozent einbüßten. In Amsterdam sackten die Papiere von Wolters Kluwer zeitweise um fast neun Prozent ab.

Die Angst der Anleger ist greifbar: Werden universelle KI-Modelle bald Aufgaben übernehmen, für die man bisher teure Spezialsoftware brauchte? Jahrzehntelang schützten proprietäre Datenbanken die hohen Margen von Anbietern wie Relx und Wolters Kluwer. Die günstigen, agentischen Tools von Anthropic stellen diesen „Graben“ nun infrage. Droht die Commoditisierung der einfachen Rechtsarbeit?

Regulatorisches Vakuum belastet die Branche

Während der Markt rast, hinkt die Regulierung hinterher. Aus Brüssel wurde bekannt, dass die EU-Kommission eine kritische Frist verpasst hat: Bis zum 2. Februar sollte sie Leitlinien zu Artikel 6 des KI-Gesetzes (AI Act) vorlegen. Diese definieren die Pflichten für Betreiber „hochriskanter“ KI-Systeme.

Die Verzögerung frustriert die Branche. Die volle Anwendbarkeit des Gesetzes ist für August 2026 geplant. Ohne klare Vorgaben fällt es Unternehmen schwer, die nötigen Compliance-Strukturen aufzubauen. Hinzu kommt: Auch die für die technischen Standards zuständigen Gremien haben ihre Deadline im Herbst 2025 verpasst und peilen nun Ende 2026 an.

Es entsteht eine gefährliche Lücke: Das Gesetz gilt, bevor die technischen Umsetzungsregeln stehen. Branchenverbände fordern daher eine Verschiebung der Vollzugsphase. Die aktuelle Unsicherheit belaste Unternehmen mit Haftungsrisiken, ohne einen klaren Konformitätspfad aufzuzeigen.

Parallel zeigt Brüssel jedoch Entschlossenheit in der Durchsetzung. Die Kommission leitete kürzlich eine formelle Untersuchung gegen X (ehemals Twitter) ein. Geprüft wird, ob dessen KI-Tool „Grok“ zur Verbreitung illegalen Materials beiträgt. Die Botschaft ist klar: Auch wenn die Leitlinien fehlen, wacht die Aufsicht über Sicherheit und Compliance.

Zwei Wege in die Zukunft des Anwaltsbüros

Die Ereignisse dieser Woche markieren eine Zeitenwende. Der Gegensatz zwischen der „Move-fast“-Innovation aus dem Silicon Valley und der „Compliance-first“-Präzision Europas wird 2026 prägen.

Rechtsanwendern bieten sich zwei Wege: Sie setzen auf flexible, universelle KI-Agenten, die sich in breitere Unternehmensworkflows integrieren. Oder sie investieren in spezialisierte, rechtsraumverankerte Plattformen wie Libra, die höhere Genauigkeit und regulatorische Sicherheit versprechen.

Experten rechnen 2026 mit einer Marktkonsolidierung. Mit dem Stichtag 2. August für das KI-Gesetz werden Tools im Vorteil sein, die nachweisbare Compliance-Features neben Produktivitätsgewinnen bieten. Die Ären des „intelligenten Journalismus“ und des „intelligenten Rechts“ verschmelzen. Gefragt sind Lösungen, die nicht nur Text generieren, sondern auch einen Audit-Trail für Mandanten und Aufseher liefern.

Der Druck auf die Kanzleien, ihren Technologie-Stack klug zu wählen, ist enorm. Nachdem an einem Tag Milliarden an Börsenwert verdampft sind, ist die Botschaft des Marktes eindeutig: Die KI-Revolution in der Rechtsarbeit ist keine Zukunftsvision mehr. Sie gestaltet die Branche in Echtzeit neu.

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