Kommunen in den USA schlagen Alarm – und bremsen den Boom der Rechenzentren aus.
In Seattle hat der Stadtrat am Dienstag ein einjähriges Moratorium für neue Datenzentren mit einer Leistung von über 20 Megavoltampere (MVA) verhängt. Grund sind massive Bedenken hinsichtlich der Belastung für Stromnetze, Wasserversorgung und die steigenden Kosten für Bürger und kleine Unternehmen.
Hintergrund: Vier Unternehmen haben gleich fünf Großprojekte mit einer Gesamtleistung von 369 Megawatt in der Stadt beantragt. Das entspricht dem Bedarf von rund 300.000 Haushalten – etwa einem Drittel des täglichen Stromverbrauchs der gesamten Stadt. „Diese riesigen KI-Rechenzentren könnten die Strompreise für Anwohner und kleine Betriebe drastisch in die Höhe treiben“, warnte Stadtrat Eddie Lin.
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Bürger protestieren gegen die Tech-Riesen
Die Entscheidung fiel nicht im stillen Kämmerlein. Über 98.000 E-Mails gingen beim Stadtrat ein, mehr als 50 Bürger sprachen sich in der Sitzung für die Pause aus. Selbst die Gruppe „Amazon Employees for Climate Justice“ unterstützte das Moratorium – ein bemerkenswerter Schritt, bedenkt man die milliardenschweren Investitionen der Tech-Konzerne bei gleichzeitigen Stellenstreichungen in der Branche.
Bis Januar 2027 soll nun eine Studie die langfristigen Auswirkungen auf Gesundheit, Arbeitsmarkt und Infrastruktur untersuchen.
Louisville geht noch weiter
Noch schärfer reagiert Louisville im Bundesstaat Kentucky. Die Stadtverwaltung legte am Dienstag einen Gesetzesentwurf vor, der „Hyperscale“-Datenzentren komplett verbieten würde. Andere Rechenzentren wären nur noch in Industriegebieten erlaubt – und auf maximal 46.500 Quadratmeter begrenzt.
Die Auflagen für Entwickler sind hart:
– Keine Kostenverschiebung auf die Bürger
– Komplette Infrastrukturfinanzierung durch die Betreiber
– Strenge Lärmschutzauflagen
– Zahlung ortsüblicher Tariflöhne
Der Entwurf geht nun in eine 30-tägige öffentliche Anhörung, bevor der Stadtrat endgültig abstimmt.
Eine Welle rollt durchs Land
Seattle und Louisville sind keine Einzelfälle. Am Dienstag zogen weitere Kommunen nach:
- Birmingham, Alabama: Neue Regeln verlangen 150 Meter Abstand zu Wohngebieten und 300 Meter zu Verkehrsknotenpunkten. Strom muss vor Ort aus Solar- oder Brennstoffzellen kommen.
- DeKalb County, Georgia: Die Verlängerung eines Baustopps um 100 Tage wurde beschlossen. Künftig sollen Rechenzentren nur noch in Industriezonen erlaubt sein.
- Hays County, Texas: Eine 180-tägige Pause für wasserintensive Projekte steht zur Debatte. Texas ist inzwischen der größte Datenzentren-Markt der Welt – der Betreiber ERCOT prognostiziert einen Anstieg des Energiebedarfs um 70 Prozent bis 2031.
- Pennsylvania: Zwei Townships erließen neue Abstandsregeln von bis zu 450 Metern zu Wohngebieten.
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Schon Anfang Juni hatte die Stadt Coachella in Kalifornien einen Vertrag für einen 160 Hektar großen Tech-Campus gekündigt. Und in New York liegt ein landesweites einjähriges Verbot für bestimmte Rechenzentren zur Unterschrift beim Gouverneur bereit.
Der Kipppunkt ist erreicht
Branchenanalysten zufolge haben inzwischen über 70 Städte und Countys in den USA Beschränkungen für Datenzentren erlassen. Die Kommunen stehen vor einem Dilemma: Sie wollen den technologischen Fortschritt nicht blockieren – aber auch nicht zulassen, dass die Rechnung dafür bei den Bürgern landet.

