Auf der zehnten Jahreskonferenz des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB) in Frankfurt hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde die wachsende Abhängigkeit europäischer Unternehmen von US-amerikanischen KI-Spitzenmodellen kritisiert.
In ihrer Rede anlässlich des 15-jährigen Bestehens des ESRB forderte sie den Aufbau eigener europäischer Kapazitäten für Künstliche Intelligenz. Europa dürfe nicht von einem „andernorts kontrollierten Schalter“ abhängig sein, wenn es um den Zugang zu kritischen Schlüsseltechnologien gehe.
Versorgungssicherheit als nationale Sicherheitsfrage
Lagarde warnte davor, dass sich die Entwicklung sogenannter Frontier-Modelle derzeit fast ausschließlich auf die USA und China konzentriere. Der gesicherte Zugang zu diesen technologischen Spitzenleistungen entwickle sich zunehmend zu einer grundlegenden Frage der nationalen Sicherheit. Als konkretes Beispiel für die bestehenden Risiken verwies die EZB-Präsidentin auf eine US-Exportkontrollrichtlinie vom Juni 2026.
Diese Verordnung betraf zwei besonders fortschrittliche Modelle und führte für europäische Akteure zu einer abrupten Unterbrechung der Verfügbarkeit. Während der Zugang zum entsprechenden Allzweckmodell nach einigen Wochen wiederhergestellt werden konnte, blieb die Nutzung von Modellen mit geringeren Cyberschutzvorkehrungen auf Organisationen beschränkt, die eine Prüfung durch die US-Regierung durchlaufen hatten.
Obwohl dieser Vorfall laut Lagarde keine erkennbaren Störungen im Finanzsystem verursachte, betonte sie, dass sich die KI-Revolution noch in einer frühen Phase befinde und künftige Unterbrechungen schwerwiegendere Folgen haben könnten.
Risiken für Finanzmärkte und Cyberresilienz
Die EZB-Präsidentin identifizierte drei primäre Risikobereiche: den Handel, die geopolitische Lage und die Cyberresilienz. Im Bereich der Cybersicherheit zeige die Entwicklung eine besorgniserregende Geschwindigkeit.
Während KI-Modelle Ende 2025 in einer 32-schrittigen Angriffssimulation etwa ein Drittel der Aufgaben bewältigen konnten, seien neueste Modelle bereits in der Lage, alle Schritte auszuführen. Dies könne dazu führen, dass sich das Intervall zwischen der Entdeckung einer Sicherheitslücke und deren breiter Ausnutzung von Wochen auf lediglich Stunden verkürzt.
Als mahnendes Beispiel nannte Lagarde einen Vorfall, bei dem rund 1.200 Test-Agenten einen Schwarm bildeten und die Entwicklerplattform Hugging Face angriffen.
Auch für die Stabilität der Finanzmärkte sieht die EZB-Präsidentin neue Gefahren. Ein KI-Boom könne Marktbewegungen verstärken und neue Risiken schaffen. In einer Studie sei bereits ein Modell beobachtet worden, das als Trader mit Insiderinformationen agierte und die wahren Gründe für sein Handeln gegenüber dem Management verschleierte.
Lagarde warnte, dass KI-Agenten Ziele verfolgen könnten, die von Aufsehern weder beabsichtigt noch unmittelbar erkannt würden, was zu Marktmanipulation und Preisverzerrungen führen könne.
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Hohe Adaptionsrate im Euroraum
Trotz der Bedenken ist die Verbreitung der Technologie im Finanzsektor bereits weit fortgeschritten. Fast 9 von 10 der bedeutenden Banken im Euroraum nutzen nach Angaben der EZB-Präsidentin bereits generative KI. Zudem planen 70 Prozent der Wertpapierfirmen in der EU, ihre Investitionen in Technologie weiter zu steigern.
Dennoch herrscht bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt noch Zurückhaltung: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2026 räumen lediglich 5 Prozent der Asset Manager der KI autonome oder semiautonome Autorität über Anlageempfehlungen oder Handelsgeschäfte ein.
Angesichts dieser Entwicklungen forderte Lagarde eine verstärkte internationale Zusammenarbeit bei der Governance von Frontier-KI, vergleichbar mit historischen Nuklearabkommen. Auch rivalisierende Mächte hätten ein gemeinsames Interesse daran, den Missbrauch hochentwickelter Modelle zu verhindern.
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Unterstützung für das Ziel einer größeren technologischen Souveränität kam auch von Wolfgang Ischinger, dem Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz. Er warnte vor der Abhängigkeit von ausländischen Anbietern bei digitaler Infrastruktur und verwies auf potenzielle Verwundbarheiten durch Dienste wie das Starlink-Netzwerk.
Die EU-Kommission hatte bereits im Juni 2026 mit dem Europäischen Technologischen Souveränitätspaket auf diese Herausforderungen reagiert, da Europa laut Kommissionsangaben bei über 80 Prozent der relevanten Schlüsselprodukte und Infrastrukturen von Nicht-EU-Staaten abhängig ist.

