Eine hochrangig besetzte Experten-Allianz hat eine neue Strategie für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) in Europa vorgestellt. Unter der Leitung von Monika Schnitzer, der Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, warnt die Gruppe vor einer zunehmenden Marginalisierung des Kontinents und einer kritischen Abhängigkeit von den USA. Das 200-seitige Strategiepapier, an dem unter anderem der KI-Forscher Yoshua Bengio, die EU-Kommissarin Margrethe Vestager sowie Experten wie Clemens Fuest und Wolfgang Ischinger mitgewirkt haben, fordert eine radikale Neuausrichtung der europäischen Digitalpolitik.
Massive Investitionen in Rechenleistung und Infrastruktur
Im Zentrum der Vorschläge steht der massive Ausbau der technischen Infrastruktur. Die Experten streben an, den europäischen Anteil an der weltweiten KI-Rechenleistung bis zum Jahr 2030 von derzeit weniger als 5 Prozent auf 15 Prozent zu verdreifachen. Dies sei notwendig, um den Anschluss an die USA zu halten, die aktuell über rund 75 Prozent der globalen Kapazitäten verfügen.
Um dieses Ziel zu erreichen, sieht das Papier Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Euro für den Bau von Rechenzentren vor. Da staatliche Mittel allein nicht ausreichen würden, schlägt die Koalition vor, zusätzlich rund 1,5 Billionen Euro von privaten Investoren einzuwerben. Als Vorbild für die Finanzierung und Förderung innovativer Projekte wird die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) angeführt.
Die Dringlichkeit der Maßnahmen wird durch bestehende strukturelle Hürden unterstrichen. Demnach betragen die Wartezeiten für einen Netzanschluss in bedeutenden Rechenzentrum-Hubs wie Frankfurt am Main derzeit bis zu zehn Jahre. Die Experten-Koalition sieht hierin ein erhebliches Hemmnis für die Wettbewerbsfähigkeit.
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Geopolitische Absicherung und strategische Allianzen
Neben der finanziellen Ausstattung setzt die Strategie auf eine stärkere geopolitische Positionierung. Vorgeschlagen wird die Gründung einer Allianz für Lieferkettensicherheit, die bis Ende 2026 von Deutschland, Frankreich und den Niederlanden initiiert werden soll. Ziel ist es, den Zugang zu kritischen Komponenten für die KI-Entwicklung dauerhaft zu sichern.
Für den Fall, dass Europa der Zugang zu führenden KI-Modellen (Frontier-KI) verwehrt wird, rät das Papier zur Aktivierung des EU-Anti-Coercion-Instruments. Dieses Instrument soll Europa vor wirtschaftlicher Erpressung schützen und die technologische Souveränität wahren.
Weitere Kernziele der Strategie sind die Sicherung des Zugangs zu Spitzen-KI für europäische Unternehmen, der Schutz der Bürger vor KI-induzierten Krisen sowie der allgemeine Ausbau der digitalen Infrastruktur.
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Kontext und aktueller Stand der EU-Initiativen
Die Forderungen der Experten erfolgen vor dem Hintergrund bereits laufender, aber oft als unzureichend kritisierter Programme. Die EU-Kommission hat bereits ein Bieterverfahren für sieben sogenannte KI-Gigafactories mit einem Volumen von etwa 30 Milliarden Euro eröffnet.
Allerdings wird berichtet, dass dieses Programm mit Verzögerungen zu kämpfen habe. Während französische Unternehmen bereits 10 Milliarden US-Dollar in einen entsprechenden Standort investiert haben, hinkt die Gesamtkapazität Europas im globalen Vergleich weiterhin deutlich hinterher.
Margrethe Vestager betonte im Rahmen der Vorstellung der Strategie die Notwendigkeit eines sofortigen Handelns, um den technologischen Rückstand zu verkürzen und die europäische Handlungsfähigkeit im Bereich der Künstlichen Intelligenz langfristig zu garantieren.

