KI-Training: Gericht erlaubt Buch-Scanning, verbietet Raubkopien

KI-Entwickler zahlt Rekordsumme für Nutzung raubkopierter Werke, erhält aber grünes Licht für Digitalisierung legal erworbener Bücher.

Der KI-Entwickler Anthropic hat sich mit Rechteinhabern auf einen Vergleich in Höhe von 1,5 Milliarden Euro geeinigt. Es ist die bislang größte Einigung dieser Art in der Tech-Branche. Der Streit drehte sich um die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke – darunter fast eine halbe Million Raubkopien – für das Training der KI-Modelle Claude.

Gericht zieht klare Grenze: Raubkopien verboten, Bücher scannen erlaubt

Die rechtliche Aufarbeitung des Falls „Bartz gegen Anthropic“ brachte eine wegweisende Unterscheidung. Das Unternehmen hatte rund 482.460 urheberrechtlich geschützte Werke in raubkopierter Form für das KI-Training genutzt. Pro Werk erhalten die Rechteinhaber nun im Schnitt rund 3.000 Euro.

Doch das Urteil der Richter William Alsup und Araceli Martínez-Olguín schafft auch Klarheit für die gesamte Branche: Das sogenannte „destruktive Scannen“ – also der Kauf und die Digitalisierung physischer Bücher – ist legal. Die Richter stufen dies als faire Nutzung (Fair Use) und als zulässig nach der Erstverkaufsdoktrin ein. Der entscheidende Unterschied: Werden Bücher legal erworben und dann digitalisiert, ist das erlaubt. Die Nutzung raubkopierter digitaler Kopien hingegen nicht.

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„Project Panama“: Wie Anthropic Millionen Bücher zerstörte

Der Vergleich brachte interne Projekte des KI-Unternehmens ans Licht. Besonders brisant: „Project Panama“. Ziel dieser Operation war die Beschaffung von „sauberen“ Trainingsdaten aus Büchern, die vor 2022 veröffentlicht wurden. Damit wollte Anthropic vermeiden, dass die KI mit bereits von Maschinen generierten Inhalten trainiert wird.

Die Vorgehensweise war radikal: Hydraulische Guillotinen trennten die Buchrücken ab, um die Seiten durch Hochgeschwindigkeitsscanner zu jagen. Nach der Digitalisierung in Cloud-Servern wurden die physischen Überreste vernichtet oder recycelt. Seit April 2026 verzeichnen Buchhändler – unter anderem in London – einen sprunghaften Anstieg anonymer Großeinkäufe. Die Beschaffungsfirma ISBNdb soll KI-Unternehmen dabei geholfen haben, unter Geheimhaltungsverträgen zwischen 1.000 und einer Million Bücher auf einmal zu erwerben.

Während die Gerichte diese Praxis schützen, schlagen Denkmalschützer und Antiquariate Alarm. Die unwiederbringliche Vernichtung potenziell unersetzlicher Titel sei ein kultureller Verlust, der in keinem Verhältnis zum Nutzen stehe.

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Autoren kritisieren Verteilung der Vergleichssumme

Trotz der Rekordsumme von 1,5 Milliarden Euro gibt es Unmut über die Verteilung. Der Musikindustrie-Experte Donald Passman, dessen werk in zehn Auflagen ohne Erlaubnis genutzt wurde, scheiterte mit dem Versuch, aus dem Vergleich auszusteigen. Das Gericht verpflichtete ihn zur Teilnahme an der Sammelklage. Für vier Auflagen seines Buches erhält er voraussichtlich rund 5.000 Euro.

Die rechtlichen Probleme für Anthropic sind damit nicht beendet. Dem Unternehmen drohen eine separate Klage über 75 Millionen Euro sowie ein laufendes Verfahren von Musikverlagen. Zudem sah sich die Firma zuletzt mit Vorwürfen des sogenannten „Destillationsdiebstahls“ durch andere KI-Entwickler konfrontiert.

Zwar hat Anthropic mit dem Urteil zum Scannen physischer Bücher einen wichtigen juristischen Erfolg erzielt. Doch der Druck auf die gesamte Branche bleibt hoch – ähnliche Klagen laufen gegen Google, Meta und Stability AI. Die Frage, wo die Grenze zwischen合法em KI-Training und Urheberrechtsverletzung verläuft, ist längst nicht abschließend geklärt.