KI-Wettbewerb: EU hat nur 5 % globaler Rechenkapazität – Experten warnen

Ein Strategiepapier fordert mehr Energie, Kapital und sichere Lieferketten, damit Europas Anteil an der globalen KI-Infrastruktur bis 2030 wächst.

In einer umfassenden Analyse zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit warnen führende Ökonomen und Politiker vor einer dauerhaften Marginalisierung Europas im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Eine Koalition um den Nobelpreisträger Philippe Aghion und die ehemalige EU-Kommissarin Margrethe Vestager drängt auf entschlossenes Handeln, um den Anschluss an die Weltspitze nicht zu verlieren.

Besonders deutlich formulierte Monika Schnitzer die notwendigen Dimensionen: Europa benötige bis zum Jahr 2030 zusätzliche Energiekapazitäten von 45 Gigawatt für Datenzentren sowie Investitionen in Höhe von 1,3 Billionen Euro.

Strategiepapier warnt vor technologischer Abhängigkeit

Hintergrund dieser Forderungen ist das rund 200-seitige Strategiepapier mit dem Titel „Transformative AI Strategy for Europe“. Die Expertengruppe, der neben Schnitzer und Vestager auch Wolfgang Ischinger, Clemens Fuest und Yoshua Bengio angehören, zeichnet darin ein kritisches Bild der aktuellen Lage.

Die Autoren warnen, dass die Europäische Union ohne Kurskorrektur Gefahr laufe, unwiderruflich von einer Handvoll ausländischer Regierungen und Einzelpersonen abhängig zu werden.

Die derzeitige Verteilung der globalen KI-Rechenkapazitäten verdeutlicht den Rückstand. Laut dem Strategiepapier entfallen im Jahr 2026 lediglich rund 5 % der weltweiten Kapazitäten auf die EU. Zum Vergleich halten die USA einen Anteil von 78 %, während China auf 11 % kommt. Das erklärte Ziel der Experten ist es, den europäischen Anteil bis zum Jahr 2030 auf 15 % zu verdreifachen.

Massive Kapitalmobilisierung und Infrastrukturausbau

Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt das Papier eine zweigleisige Finanzierungsstrategie vor. Einerseits seien öffentliche Investitionen in Höhe von 100 Mrd. Euro für den Aufbau von Rechenzentren auf europäischem Boden erforderlich. Andererseits müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, um privates Kapital in Höhe von 1,5 Billionen Euro anzuziehen.

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Obwohl die KI-Investitionen innerhalb der EU im Jahr 2025 bereits um 83,3 % auf 6,8 Mrd. Euro gestiegen sind, bleibt die Nutzung der Technologie in der Breite heterogen. Während der EU-Durchschnitt der KI-Nutzung in Unternehmen bei 20 % liegt, verzeichnen Länder wie Dänemark Quoten von 42 %, während Rumänien lediglich auf 5,2 % kommt.

Sicherung der Lieferketten und geopolitische Resilienz

Ein weiterer Schwerpunkt der Strategie liegt auf der Sicherung kritischer Infrastrukturen und Lieferketten. Eine Expertengruppe, der auch der ehemalige irische Premierminister Leo Varadkar angehört, fordert die Gründung einer „Allianz für Lieferkettensicherheit“ bis zum Ende des laufenden Jahres.

Ziel sei es, die europäischen Stärken bei Schlüsselunternehmen wie ASML, Zeiss und Trumpf zu bündeln. Insbesondere Deutschland, Frankreich und die Niederlande sollen bis Ende 2026 eine entsprechende Allianz für sichere Lieferketten formieren.

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Zudem empfehlen die Experten, die Resilienz gegenüber KI-Krisen zu stärken. Dies beinhalte eine Führungsrolle bei Prüf- und Sicherheitstechnologien sowie den möglichen Einsatz des EU-Anti-Coercion-Instruments, falls Europa von sogenannten Frontier-KI-Modellen abgeschnitten werden sollte.

Handlungsbedarf für die Politik

Die Dringlichkeit der Lage wird durch prominente Stimmen unterstrichen. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte, dass Europa ohne sofortiges Gegensteuern bereits ab diesem Jahr dauerhaft gegenüber den globalen Wettbewerbern zurückfalle. Margrethe Vestager forderte die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten zu unverzüglichen Maßnahmen auf.

Aktuell unternimmt die EU-Kommission bereits Schritte, etwa durch ein Bieterverfahren für sieben sogenannte KI-Gigafactories mit einem Budget von rund 30 Mrd. Euro.

Berichten zufolge bieten französische Unternehmen allein 10 Mrd. US-Dollar für einen dieser Standorte, wenngleich das Programm derzeit mit Verzögerungen zu kämpfen hat. Das nun vorgelegte Strategiepapier der Expertengruppe versteht sich als umfassender Rahmen, liegt jedoch bislang ohne detaillierte Kostenschätzung der Einzelmaßnahmen oder konkrete Gesetzesvorlagen vor.