LibreOffice: Document Foundation kündigt radikalen Cloud-Umbau an

Die Document Foundation kündigt eine native Web-Version von LibreOffice an und reagiert damit auf den neuen Herausforderer Euro-Office.

Die Document Foundation kündigt einen radikalen Kurswechsel an: LibreOffice geht in die Cloud.

Der Schritt ist gewaltig. LibreOffice, seit Jahren die erste Adresse für alle, die Microsoft Office den Rücken kehren wollen, soll künftig direkt im Browser laufen. Die Pläne, die die Document Foundation (TDF) heute vorstellte, zielen auf eine native Web-Version und deutlich verbesserte mobile Fähigkeiten ab. Das klassische Desktop-Programm bleibt aber das Herzstück.

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Browser statt Server: So soll die Technik funktionieren

Der technische Kniff: LibreOffice setzt künftig auf Qt 6 und WebAssembly (WASM). Das ermöglicht es der Software, direkt im Browser zu laufen – ohne dass eine aufwendige Server-Infrastruktur die Benutzeroberfläche rendern muss. Das ist ein entscheidender Unterschied zu vielen bisherigen Cloud-Office-Lösungen.

Noch spannender: Die Zusammenarbeit in Echtzeit. Zunächst setzt TDF auf eine klassische Client-Server-Architektur per TCP/IP. Langfristig ist aber die Integration von Peer-to-Peer-Technologie geplant, um Dokumente direkt zwischen Nutzern zu synchronisieren. Parallel dazu arbeiten die Entwickler an nativen Apps für Android und iOS.

Die gute Nachricht für alle, die LibreOffice auf dem Rechner lieben: Die Desktop-Version bleibt das Fundament. Zwei große Hauptversionen pro Jahr – dieser Rhythmus bleibt bestehen.

Führungswechsel: Neue Köpfe für neue Aufgaben

Um die ambitionierten Pläne umzusetzen, hat die Foundation ihre Entwicklungsstruktur umgebaut. Jonathan Clark übernimmt die Leitung der Web- und Mobile-Initiativen. Für die Sicherheit im gesamten Ökosystem sind künftig Christian Lohmaier und Xisco Fauli verantwortlich.

Was die Pläne so brisant macht: Einen verbindlichen Zeitplan für die native Web-Version oder die mobilen Apps gibt es bislang nicht. Die Foundation hält sich bedeckt, wann die ersten Nutzer die neue Technik tatsächlich in den Händen halten werden.

Scharfe Kritik am neuen Konkurrenten Euro-Office

Die Ankündigung kommt nicht zufällig. Zeitgleich launchte am 9. Juni 2026 mit Euro-Office ein neuer Herausforderer. Das Projekt, ein Fork von ONLYOFFICE, wird von Partnern wie IONOS, Nextcloud und Tuta unterstützt und vermarktet sich als „erste europäische Open-Source-Suite“.

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Doch TDF schlägt zurück. In einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 bezeichnete Gründungsmitglied Italo Vignoli diese Behauptung als irreführend und historisch falsch. Sein Argument: OpenOffice.org existiert seit 2001, LibreOffice seit 2010 – beide stammen aus Europa.

Der eigentliche Zankapfel: das Dateiformat. TDF kritisiert, dass Euro-Office standardmäßig auf Microsofts proprietäres OOXML-Format setzt. Das sei kein Schritt in Richtung digitaler Souveränität, sondern das Gegenteil. „Damit wird Microsofts Marktbindung gestärkt“, heißt es aus der Foundation. Euro-Office werde so zum „de facto Verbündeten von Microsofts proprietären Interessen“.

Europäische Digital-Souveränität: Der größere Zusammenhang

Der Konflikt zwischen den beiden Open-Source-Projekten ist kein Zufall. Europäische Organisationen suchen zunehmend nach Unabhängigkeit von US-Technologiekonzernen. Die Beispiele mehren sich:

  • Das Europäische Parlament ist auf die Suchmaschine Qwant umgestiegen
  • Tausende französische Regierungsangestellte nutzen die LaSuite-Plattform
  • Niederländische Behörden haben Code von GitHub auf eigene Server verlagert
  • In Finnland und Belgien wurden Daten aus der AWS-Cloud abgezogen

Hintergrund sind wachsende Bedenken wegen US-Sanktionen und des CLOUD Acts, der US-Behörden Zugriff auf Daten von US-Unternehmen ermöglicht – auch wenn diese in Europa gespeichert sind.

Für LibreOffice geht es jetzt darum, in diesem Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren. Die Cloud-Strategie ist der Versuch, die eigene Position zu halten – und gleichzeitig den neuen Herausforderer aus dem eigenen Ökosystem in die Schranken zu weisen. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Eines ist aber klar: Der Kampf um die europäische Büro-Suite hat gerade erst richtig begonnen.