Die Linux-Welt erlebt eine der aktivsten Wochen des Jahres: Kernel-Entwickler bereiten die nächste Generation von Prozessoren vor, während gleichzeitig der Support für ältere Hardware ausgebaut wird. Besonders für Rechenzentren und Cloud-Anbieter in Europa ergeben sich neue Möglichkeiten.
Kernel 7.2: Netzwerk-Offensive und Abschied von der i486-Architektur
Linux Kernel 7.2 RC5 ist am 30. Juli erschienen und markiert den Weg zur stabilen Version Ende August. Mehr als ein Drittel der Patches betrifft Hardware-Treiber – ein klares Signal, dass die Entwickler die Unterstützung moderner Chipsätze massiv ausbauen. Der Kernel-Quellcode ist inzwischen auf rund 43,89 Millionen Zeilen angewachsen, davon über 33 Millionen Zeilen reinen Codes.
Eine architektonische Zäsur: Die Unterstützung für die i486-Architektur wird entfernt. Der 1989 eingeführte Prozessor hat damit nach fast vier Jahrzehnten ausgedient – ein Schritt, der angesichts moderner Sicherheitsanforderungen überfällig war.
Intel und AMD liefern sich Wettlauf bei Grafiktreibern
Parallel treibt Intel die Entwicklung für Linux 7.3 voran. Die integrierten Grafikeinheiten von Nova Lake S gelten nun als stabil genug, um ohne spezielle Startparameter zu funktionieren. Zudem reichte Intel am 29. Juli Patches für die Xe3-Grafik in der Panther-Lake-Architektur ein. Neu ist ein „Peak Bandwidth Threshold“, der die Display-Bandbreite bei geringer Last dynamisch unter 20 GB/s hält – ein Beitrag zur Energieeffizienz, der gerade für Laptops relevant sein dürfte.
Bei AMD dreht sich alles um die kommenden Zen-6-Prozessoren. Neue Treiber-Patches bringen Funktionen ähnlich dem Ryzen-Master-Tool nach Linux: Overclocking, TjMax-Steuerung und FCLK-Messaging werden direkt unterstützt. Für den Hochleistungsrechner-Bereich präsentierte AMD am 30. Juli die Helios-Rack-Plattform mit 72 Instinct-MI455X-Beschleunigern und EPYC-Venice-Prozessoren. Erste Installationen werden für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.
Valve überrascht mit Support für alte AMD-Grafikkarten
In einer bemerkenswerten Wendung hat ein Valve-Ingenieur Unterstützung für DRM-Format-Modifier alter AMD-GPUs eingereicht. Die Patches für die Serien GFX6 bis GFX8 verbessern die Kompatibilität von Radeon-HD-7000-Karten bis zur Polaris-Ära mit Vulkan-Wayland-Composern – ein Segen für Besitzer älterer Hardware.
Die Gaming-Welt profitiert zudem von Mesa 26.1.6, das am 29. Juli erschien und Probleme in Titeln wie „Doom Eternal“ und „Horizon Forbidden West“ behebt. Für Steam-Deck-Besitzer gibt es ebenfalls gute Nachrichten: Die epp_boost-Funktion steigert die 1%-Low-FPS-Werte um 31,8 Prozent. Und Valve finanziert offenbar einen Proof-of-Concept, um den RADV-Treiber auf Windows zu portieren.
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Ubuntu, Proxmox und Xen: Infrastruktur wird flexibler
Canonical führt ein neues Update-Modell für Ubuntu 26.04 LTS ein. Der Virtualization-HWE-Stack liefert sechsmonatige Aktualisierungen für qemu, libvirt, edk2 und seabios – ohne dass ein komplettes System-Upgrade nötig ist. Besonders für Confidential-Computing-Funktionen wie AMD SEV-SNP und Intel TDX ist das ein Gewinn.
Proxmox kooperiert künftig mit NVIDIA: Der Virtualisierungs-Spezialist übernimmt das Management für NVIDIA-KI-Rechenzentren und integriert sich in NVIDIA Mission Control. Optimiert wird dabei für die Grace- und Vera-CPU-Architekturen – ein strategischer Schachzug, der Proxmox im KI-Umfeld positioniert.
Das Xen-Projekt veröffentlichte Version 4.22 mit AMD-Zen-5-Bus-Lock-Threshold und RISC-V-SSTC-Support. Parallel wurde Unraid OS 7.2.8 als Sicherheitsupdate ausgeliefert.
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Entwickler-Werkzeuge und neue Standards
GNU Binutils 2.47 bringt neue RISC-V-Erweiterungen und eine Disassembler-Option für AArch64. Der Gold-Linker verschwindet aus dem Hauptpaket, die 32-Bit-s390-Unterstützung wird abgekündigt.
Um die Zersplitterung im Markt für Datenverarbeitungs-Einheiten (DPUs) zu beenden, hat das OPI-Projekt seine erste koordinierte Version „Abstraction v0.1.0″ veröffentlicht. Die herstellerneutrale API-Schicht soll den Umgang mit unterschiedlichen Hardware-Beschleunigern vereinheitlichen – mit dabei sind Red Hat, Intel und F5/NGINX.
Sicherheitslücke „Fragnesia“ geschlossen
Ubuntu hat am 29. Juli Kernel-Updates für diverse Umgebungen veröffentlicht, darunter Raspberry Pi und Azure FIPS. Die Aktualisierungen schließen mehrere Schwachstellen, darunter die als „Fragnesia“ (CVE-2026-43503) bekannte Logik-Lücke in der XFRM-ESP-in-TCP-Verarbeitung. Angesichts zunehmender Angriffe auf Cloud-Infrastrukturen dürfte das Update für viele Administratoren Pflicht sein.

