Die EU-Kommission wirft Meta Verstöße gegen den Digital Services Act vor, während US-Gerichte den Konzern für die Suchtgefahr seiner Plattformen haftbar machen.
EU-Kommission: Kinderschutz mangelhaft
Die Brüsseler Behörde teilte am 30. April mit, dass Facebook und Instagram keine wirksamasen Alterskontrollen für Kinder unter 13 Jahren eingeführt hätten. Nach zweijährigen Ermittlungen steht der Vorwurf im Raum: Meta gefährde systematisch Minderjährige. Die Untersuchung ergab, dass etwa zehn bis zwölf Prozent der unter 13-Jährigen in der EU trotz Verbots weiterhin die Plattformen nutzen – oft mit falschen Geburtsdaten.
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EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen kritisierte die bestehenden Schutzmaßnahmen als nahezu wirkungslos. Besonders problematisch seien die Algorithmen, die junge Nutzer in sogenannte „Rabbit Holes“ – immer extremere Inhalte – führen könnten.
Die mögliche Strafe wiegt schwer: Bis zu sechs Prozent des globalen Jahresumsatzes drohen. Bei Einnahmen von umgerechnet rund 185 Milliarden Euro im Jahr 2025 wären das mehr als elf Milliarden Euro. Parallel drängt die Kommission die Mitgliedstaaten, eine einheitliche EU-Altersverifikations-App zu entwickeln.
US-Gerichte brechen Immunität auf
Während Europa auf Systemaufsicht setzt, gehen amerikanische Gerichte einen anderen Weg. Ende März 2026 verurteilte eine Ziviljury in New Mexico Meta zu 375 Millionen US-Dollar (knapp 350 Millionen Euro) Strafe. Die Staatsanwaltschaft hatte nachgewiesen, dass der Konzern Kindesmissbrauch und psychische Schäden bewusst verschwiegen hatte.
Nur wenige Wochen später folgte ein Urteil in Los Angeles: Eine Jury sprach Meta eine Mitschuld von 70 Prozent an den psychischen Schäden eines jugendlichen Nutzers zu. Die Schadensersatzsumme von sechs Millionen Dollar ist zwar vergleichsweise gering – das Signal aber gewaltig.
Die Klagen umgehen geschickt den bisherigen Schutzparagrafen 230 des US-Telekommunikationsgesetzes. Statt um fremde Inhalte geht es um die Plattform selbst: Unendliches Scrollen, Belohnungsmechanismen und Push-Benachrichtigungen – all das sei ein konstruktionsbedingtes Suchtmittel. Mehr als 2.200 Verfahren zu Social-Media-Sucht sind inzwischen in einem Bundesgericht in Kalifornien gebündelt.
Interne Pannen: „Teen Accounts“ wirkungslos
Besonders brisant: Enthüllungen des früheren Meta-Ingenieurs Arturo Béjar. Seine im Herbst 2025 veröffentlichte Studie belegt, dass 64 Prozent der Sicherheitsfunktionen für Jugendliche entweder wirkungslos oder defekt sind. Selbst in den speziellen „Teen Accounts“ konnten Nutzer weiterhin Inhalte zu Selbstverletzung und Essstörungen sehen.
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Meta widerspricht und verweist auf mehr als 50 eingeführte Schutzmaßnahmen. Doch Gerichtsakten aus Massachusetts zeigen: Top-Manager wurden wiederholt vor Mobbing und sexueller Ausbeutung gewarnt – und entschieden sich bewusst für den Erhalt der Nutzerzahlen.
Globale Welle der Regulierung
Der Fall Meta steht exemplarisch für einen weltweiten Trend. Australien verbot im Dezember 2025 soziale Netzwerke für unter 16-Jährige, Frankreich und Indonesien zogen nach. Meta reagiert mit einer Mischung aus Zugeständnissen und Konfrontation: Finanzchefin Susan Li räumte erstmals ein, dass die Prozesse zu „wesentlichen Verlusten“ führen könnten. Gleichzeitig drohte der Konzern diese Woche, Instagram, Facebook und WhatsApp in New Mexico abzuschalten – sollte das Gericht eine 99-prozentige Genauigkeit bei der Alterskontrolle verlangen.
Branchenbeobachter ziehen Parallelen zur Tabakindustrie der 1990er-Jahre: Die Unternehmen wussten um die Schädlichkeit ihrer Produkte, vertuschten die Beweise und vermarkteten sie weiter an Minderjährige.
Ausblick: Entscheidende Wochen
Am 4. Mai beginnt in New Mexico die zweite Prozessphase. Ein Richter wird dann konkrete Änderungen für die Plattformen anordnen – von der Verschlüsselung bis zum Algorithmus. Sollte das Gericht weitreichende Reformen verlangen, könnte dies Signalwirkung für andere Bundesstaaten haben.
In Europa hat Meta noch Zeit, auf die Vorwürfe der Kommission zu reagieren. Doch die EU-Altersverifikations-App soll noch dieses Jahr starten. Die Ära der selbst deklarierten Geburtsdaten und laschen Kontrollen neigt sich dem Ende zu. Die Frage ist nicht mehr, ob soziale Netzwerke strenger reguliert werden – sondern wie tief der Eingriff in ihre Geschäftsmodelle ausfallen wird.

