Der Konzern eskalierte den Rechtsstreit mit einem Bundesstaat – und stellt Millionen Nutzer vor den digitalen Scherbenhaufen.
Ultimatum vor Gericht: 99 Prozent Alterskontrolle oder Blackout
Der Streit zwischen Meta Platforms und dem US-Bundesstaat New Mexico erreicht eine neue Eskalationsstufe. In einer aktuellen Gerichtsvorlage droht der Konzern, seine Dienste WhatsApp, Instagram und Facebook komplett aus dem Staat abzuziehen. Der Grund: eine bevorstehende Gerichtsentscheidung, die Meta zu drastischen Sicherheitsauflagen zwingen könnte.
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Die Anhörung zur Festlegung der Auflagen beginnt am Montag, 4. Mai 2026. Im Kern geht es um die Forderung der Staatsanwaltschaft, dass Meta eine 99-prozentige Genauigkeit bei der Altersverifikation nachweisen muss – Nutzer müssten zweifelsfrei mindestens 13 Jahre alt sein.
Meta argumentiert, diese Anforderung sei technisch nicht umsetzbar. Um sie zu erfüllen, müsste das Unternehmen entweder separate Apps nur für New Mexico entwickeln oder die Dienste für alle 2,1 Millionen Einwohner abschalten. Generalstaatsanwalt Raúl Torrez kontert: Metas Drohung zeige, dass der Konzern Gewinne über Kinderschutz stelle.
375 Millionen Dollar Strafe – und ein Präzedenzfall
Der Konflikt hat eine Vorgeschichte. Bereits im März 2026 verurteilte eine Jury Meta zu 375 Millionen Dollar (rund 350 Millionen Euro) Schadenersatz. Das Gericht befand, der Konzern habe Verbraucher über die Sicherheit seiner Plattformen getäuscht und wissentlich Umgebungen geschaffen, in denen sexuelle Ausbeutung von Kindern möglich war.
Die Klage, die Torrez Ende 2023 einreichte, stützte sich auf Undercover-Ermittlungen. Sie dokumentierten, wie einfach Erwachsene auf Metas Plattformen Minderjährige kontaktieren konnten.
Europa: Regulierungslücke nach Ablauf der Chatkontrolle
Parallel zum US-Rechtsstreit verändert sich die Rechtslage in der Europäischen Union. Am 3. April 2026 lief eine temporäre EU-Verordnung aus, die Diensten wie WhatsApp erlaubte, private Nachrichten freiwillig auf Missbrauchsmaterial zu scannen.
Das Europäische Parlament hatte sich im März gegen eine Verlängerung dieser Ausnahme von der ePrivacy-Richtlinie ausgesprochen. Die Folge: Das pauschale Scannen privater Nachrichten könnte nun gegen europäische Datenschutzgesetze verstoßen.
Trotz des rechtlichen Vakuums erklärten Meta, Google, Microsoft und Snap im April 2026, sie wollten freiwillig weiter Maßnahmen zum Schutz Minderjähriger ergreifen. Datenschützer warnen jedoch, dass diesen Aktivitäten nun die rechtliche Grundlage fehle – was neue Klagen von EU-Datenschutzbehörden nach sich ziehen könnte. Verhandlungen über eine dauerhafte Regelung, die sogenannte Chatkontrolle (CSAR) , laufen noch. Ein Abschluss wird für Sommer 2026 erwartet.
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Großbritannien: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unter Beschuss
Auch im Vereinigten Königreich steht Meta unter Druck. Der Online Safety Act verpflichtet große Plattformen seit Anfang 2026 zu umfassenden Kinderschutzmaßnahmen. Die britische Regulierungsbehörde Ofcom kann seit Juli 2025 von Diensten verlangen, zertifizierte Technologie zur Erkennung illegaler Inhalte einzusetzen.
Das Problem: Diese Anforderung ist mit WhatsApps Ende-zu-Ende-Verschlüsselung grundsätzlich unvereinbar. Die Verschlüsselung stellt sicher, dass nur Sender und Empfänger Nachrichten lesen können – nicht einmal Meta selbst. Sicherheitsexperten betonen, dass jede Form von Content-Scanning diese Architektur aushöhlen würde.
Meta hat mehrfach klargestellt, dass es keine Hintertüren in seine verschlüsselten Dienste einbauen werde. Notfalls ziehe man sich lieber aus dem britischen Markt zurück, als die Privatsphäre der globalen Nutzerbasis zu gefährden.
Welle von Klagen: Mehr als 40 US-Bundesstaaten ziehen nach
Das Urteil aus New Mexico könnte Signalwirkung entfalten. Mehr als 40 US-Generalstaatsanwälte haben ähnliche Klagen gegen Meta eingereicht. Sie werfen dem Konzern vor, durch süchtig machende Design-Features zur psychischen Gesundheitskrise unter Jugendlichen beigetragen zu haben.
Erst im April 2026 verurteilte eine Jury in Los Angeles Meta und Google zu 6 Millionen Dollar Schadenersatz – wegen der Klage einer jungen Frau, die als Minderjährige süchtig nach den Plattformen geworden sein soll.
Die Zahl der gemeldeten Fälle von finanzieller sexueller Erpressung ist laut dem National Center for Missing & Exploited Children zwischen 2024 und 2025 deutlich gestiegen. Globale Bedrohungsanalysen aus dem Jahr 2025 deuten zudem darauf hin, dass Täter zunehmend verschlüsselte Umgebungen nutzen, um traditionelle Erkennungsmethoden zu umgehen.
Metas Verteidigung: 40.000 Mitarbeiter für Sicherheit
Meta weist die Vorwürfe zurück. Der Konzern verweist auf 40.000 Mitarbeiter, die weltweit für Sicherheit und Schutz zuständig seien. Das Unternehmen kündigte an, gegen das Zivilurteil aus New Mexico Berufung einzulegen.
Die anstehende Verhandlung, die voraussichtlich drei Wochen dauern wird, gilt als richtungsweisend. Sollte das Gericht die 99-Prozent-Altersverifikation anordnen, erwarten Branchenanalysten eine Welle von Rechtsstreitigkeiten zur Frage, ob einzelne Bundesstaaten überhaupt so weitreichende Internetregulierungen erlassen dürfen.
Der technische Kernkonflikt – Client-Side-Scanning, also die Analyse von Inhalten auf dem Gerät des Nutzers vor der Verschlüsselung – bleibt sowohl in der EU als auch in Großbritannien umstritten. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Meta seine Drohung wahr macht oder ob sich ein Kompromiss findet, der Kinderschutz und Privatsphäre vereint.

