Europäische Unternehmen suchen zunehmend nach souveränen Alternativen zu Microsoft 365, um wachsende Bedenken hinsichtlich der digitalen Eigenständigkeit im professionellen Sektor zu adressieren.
Laut Erhebungen der Linux Foundation auf dem Open Source Summit Europe stufen 94% der Organisationen in der Europäischen Union digitale Unabhängigkeit inzwischen als wichtige Priorität ein. Neben privaten Betrieben stellen auch öffentliche Verwaltungen ihre IT-Strategien auf den Prüfstand.
OpenDesk baut Vertrieb und Partnernetzwerk aus
Als europäische Alternative zu Microsoft 365 und Google verzeichnet die Plattform OpenDesk eine starke Nachfrage. Das System bündelt E-Mail, Büroanwendungen, Videokonferenzen, Chatfunktionen und Werkzeuge zur Zusammenarbeit auf einer gemeinsamen Plattform.
Für die Lösung wurden bereits Lizenzen für mehr als 200.000 Büro-Arbeitsplätze vergeben. Den maßgeblichen Bekanntheitsschub erlebte das Projekt im Herbst 2025, als der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen befürchteter Sanktionen der USA zu der quelloffenen Software wechselte.
Wie Leonhard Kugler, Co-Geschäftsführer des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS), erklärte, musste im vergangenen Jahr ein Großteil der Kundenanfragen abgewiesen werden, da das Interesse die eigenen Kapazitäten überstieg.
Infolgedessen baut ZenDiS sein Geschäftsmodell um. Externe IT-Dienstleister übernehmen künftig Vermarktung, Einführung sowie Wartung. Zu den ersten Partnern zählen B1 Systems, Dachs IT und Schwarz Digits mit Cloud-Infrastrukturen aus eigenen Rechenzentren. Einem Bericht des Handelsblatts zufolge wollen zudem die Deutsche Telekom, Ionos und Bechtle bei OpenDesk einsteigen.
Parallel gründeten sechs Hersteller von Komponenten der Plattform – Collabora Productivity, Element, Nordeck IT + Consulting, Open-Xchange, Univention und XWiki – ein gemeinsames Vertriebsunternehmen namens Open Productivity Software GmbH. Geschäftsführer Gerald Pfeifer betonte, Unternehmen müssten den digitalen Arbeitsplatz als Ganzes einführen und verlässlich betreiben.
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Zu den ersten Partnern der neuen Vertriebsgesellschaft gehören Adfinis aus der Schweiz, die MSG-Gruppe sowie das französische Unternehmen Smile. Die Funktionsreife von OpenDesk bei künstlicher Intelligenz ist derzeit noch begrenzt; auf der Smart Country Convention in Berlin wurde dazu ein erster Prototyp für einen KI-Chat gezeigt.
Öffentliche Verwaltung überdenkt Cloud-Nutzung
Begleitet wird dieser Wandel von Kurskorrekturen im öffentlichen Dienst. So sagte die niederländische Steuer- und Zollverwaltung ihre geplante Migration in die öffentliche Cloud von Microsoft 365 offiziell ab und setzt künftig auf lokale Infrastruktur sowie Open-Source-Lösungen. Ursprünglich sollte der Wechsel bis Ende 2026 abgeschlossen sein; rund 5.000 Beschäftigte nutzten das System bereits.
Der IKT-Bewertungsrat hatte den Stopp wegen erheblicher Sicherheitsbedenken empfohlen. Kritisiert wurden unter anderem das Routing vertraulicher Dokumente über Server in den USA, Standardverschlüsselungen ohne eigene Schlüsselverwaltung, fehlende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Microsoft Teams sowie das Fehlen einer Exit-Strategie.
Nach Angaben des Finanzstaatssekretärs sollen E-Mail und Kalender für 2027 lokal auf eigenen Servern verbleiben, bevor für den Zeitraum 2027–2028 europäische quelloffene Werkzeuge für Datenspeicherung und Zusammenarbeit folgen. Ergänzend erproben acht niederländische Kommunen im Projekt DAWO einen modularen Regierungsdesktop auf Basis der Linux-Distribution NixOS.
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Umfragen belegen Wechselbereitschaft in der Wirtschaft
Auch in der Gesamtwirtschaft wächst der Wunsch nach Unabhängigkeit. Laut dem EuroCloud Pulse Check 2026, für den techconsult 250 IT-Entscheider deutscher Firmen befragte, planen 53% der Unternehmen, in den kommenden zwei Jahren europäische Cloud-Anbieter für KI-Anwendungen und Modelle einzusetzen.
Insgesamt 66% der Betriebe erwägen innerhalb von 12 bis 24 Monaten einen Wechsel größerer Arbeitslasten oder ihres Hauptanbieters; 20% verfolgen bereits konkrete Pläne, 46% prüfen den Schritt.
Europäische IT-Anbieter genießen dabei insbesondere bei Geschäftsprozesssoftware (63%), Identity- und Access-Management (62%) sowie Compliance und Datenresidenz (61%) den Vorzug. Als größte Hürden für einen Systemwechsel gelten jedoch hohe Migrationskosten sowie Unklarheiten bezüglich der langfristigen Marktposition, die von jeweils 29% der Befragten genannt wurden.

