Ein Münchner Gericht hat die Haftungsfrage neu bewertet, während aktuelle Studien massive Einbußen für Verlage und Händler belegen.
Münchner Urteil erschüttert Googles Rechtskonstrukt
Das Landgericht München I hat am 28. Mai 2026 ein wegweisendes Urteil gefällt (Az. 26 O 869/26): Googles KI-Übersichten (AI Overviews) gelten demnach nicht mehr als bloße Suchergebnisse, sondern als eigenständige Inhalte des Konzerns. Die Richter begründeten dies damit, dass die Zusammenfassungen in eigenen Worten formuliert sind und häufig Behauptungen enthalten, die in den ursprünglichen Quellen gar nicht vorkommen.
Der entscheidende Punkt: Google verliert damit den sogenannten Host-Provider-Schutz, der Plattformen normalerweise vor der Haftung für fremde Inhalte bewahrt. Gegenüber zwei deutschen Verlagen wurde eine einstweilige Verfügung erlassen, die dem Konzern die Wiederholung falscher Behauptungen untersagt – bei Zuwiderhandlung drohen Strafen von bis zu 250.000 Euro.
Das Urteil unterscheidet sich grundlegend von früheren Entscheidungen des Bundesgerichtshofs aus den Jahren 2013 und 2018, die sich noch mit Autocomplete-Funktionen und der Haftung von Suchmaschinen befasst hatten.
Studien belegen: Weniger Klicks, mehr Null-Suchen
Die neuen KI-Funktionen verändern das Nutzerverhalten grundlegend – und das zu Lasten der Inhalteanbieter. Ein aktuelles Feldexperiment der Forscher Agarwal und Sen, das Mitte Juni 2026 überarbeitet wurde, zeigt dramatische Auswirkungen: Bei 1.065 getesteten US-Desktop-Chrome-Nutzern reduzierten die KI-Übersichten die organischen Klicks auf externe Seiten um 39,8 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der sogenannten Zero-Click-Suchen – bei denen Nutzer die Antwort direkt in der Google-Oberfläche finden – um 34,5 Prozent.
Besonders betroffen sind Informationsanfragen, die 71 Prozent der untersuchten Suchanfragen ausmachten. Entfernte man die KI-Zusammenfassungen, stiegen die Klickzahlen von 0,37 auf 0,62 pro Suche. Eine Verbesserung der Nutzerzufriedenheit konnten die Forscher nicht feststellen.
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Handel leidet unter KI-Konkurrenz
Auch der Einzelhandel spürt die Folgen. Eine Analyse von über 4.200 Shopify- und WooCommerce-Shops zwischen Januar und Mai 2026 zeigt: Die Klickraten für Produktsuchen sind im Jahresvergleich um 34 Prozent eingebrochen. Besonders hart traf es die Beauty-Branche mit einem Rückgang von 51 Prozent.
Die Reaktion der Händler: Sie investieren verstärkt in Google Shopping-Anzeigen. Die Kosten pro Klick stiegen seit Ende 2025 um 9 bis 17 Prozent – eine direkte Folge des verschärften Wettbewerbs um die verbleibenden Klicks.
EU-Antitrust-Fall und Energiehunger
Die juristischen Probleme häufen sich für Google. Erst Anfang dieser Woche wies der Europäische Gerichtshof die letzte Berufung des Konzerns in einem Kartellrechtsfall zurück. Die Rekordstrafe von 4,1 Milliarden Euro wegen Missbrauchs der Marktmacht des Android-Betriebssystems bleibt damit bestehen.
Hinzu kommt ein wachsender Energiebedarf: Googles Stromverbrauch stieg 2025 um 37 Prozent auf rund 29 Terawattstunden – fünfmal so viel wie 2020. Haupttreiber sind die KI-Rechenzentren und die Gemini-Infrastruktur. Der Konzern selbst bezeichnet sein Netto-Null-Ziel für 2030 inzwischen nur noch als „anspruchsvoll“.
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Verlage wehren sich – neue Bezahlmodelle entstehen
Die Branche reagiert. Cloudflare hat diese Woche ein Pay-Per-Use-System gestartet, das Verlage entschädigen soll, wenn KI-Dienste ihre Inhalte für Antworten nutzen – nicht nur zum Training der Modelle.
Google selbst hat am 1. Juli 2026 eine technische Kehrtwende vollzogen: Der Konzern stellt die Auslieferung von AMP-Seiten (Accelerated Mobile Pages) aus dem eigenen Cache ein. Nutzer werden nun direkt auf die Verlagsserver weitergeleitet. Die AMP-Viewer-Funktion und die dazugehörige Dokumentation wurden entfernt. Für Verlage bedeutet das weniger Wartungsaufwand – aber auch das Ende bestimmter Cache-basierter Optimierungen.
Bleibt die Frage: Reichen diese Anpassungen, oder steht eine grundlegende Neuordnung des Verhältnisses zwischen Suchmaschine und Inhalteanbietern bevor?

