MyOffice-Krise: Russische Office-Alternative bricht zusammen

Der russische Softwareentwickler MyOffice entlässt den Großteil seiner Belegschaft. Umsatzeinbruch und hohe Schulden zwingen zum radikalen Sparkurs.

Das Unternehmen hat Mitte Mai mit der Entlassung eines Großteils seiner Belegschaft begonnen. Übrig bleiben soll nur noch der technische Support.

Die einstige Hoffnungsträgerin der russischen Softwarebranche steckt in einer tiefen Krise. Nachdem das Land nach dem Ukraine-Krieg von westlichen Technologiekonzernen abgeschnitten wurde, sollte MyOffice als heimische Alternative zu Microsoft Office dienen. Doch nun zeigt sich: Der Import-Substitutions-Boom ist vorbei.

Anzeige

Warum Cyberkriminelle gerade kleine und mittelständische Unternehmen ins Visier nehmen. Ein kostenloses E-Book zeigt, welche neuen Bedrohungen 2024 auf Sie zukommen – und wie Sie sich ohne großes Budget schützen. Gratis-E-Book zur Cyber-Security jetzt herunterladen

Finanzieller Absturz in Rekordzeit

Die Zahlen sind vernichtend. Der Nettoverlust von MyOffice hat sich 2025 mehr als verdreifacht – auf umgerechnet rund 40 Millionen Euro (4 Milliarden Rubel). Im Vorjahr waren es noch 12 Millionen Euro. Gleichzeitig brach der Umsatz um etwa 50 Prozent auf rund 10 Millionen Euro ein.

Das Unternehmen schuldet seinem Mehrheitseigner Kaspersky Lab (68,8 Prozent Anteil) rund 250 Millionen Euro. „Die Kombination aus sinkenden Einnahmen und hohem Schuldendienst lässt dem Entwickler kaum eine andere Wahl, als die Personalkosten drastisch zu senken“, analysieren Branchenkenner.

Belegschaft organisiert sich

Die Entlassungswelle trifft die Belegschaft hart. Nach internen Berichten wurden ganze Abteilungen gestrichen. Ein digitaler Kanal für betroffene Mitarbeiter zählt bereits über 600 Teilnehmer. Einige Angestellte haben eine Gewerkschaft gegründet – aus Sorge, dass das Unternehmen Kündigungen ohne die üblichen Abfindungen durchsetzen will.

Bereits im März 2026 hatte CEO Vyacheslav Zakorzhevsky vor finanziellen Schwierigkeiten gewarnt. Nun scheinen die Befürchtungen Realität geworden zu sein.

Russische IT-Branche schrumpft erstmals seit 2022

Der Fall MyOffice ist kein Einzelfall. Die gesamte russische Technologiebranche erlebt ihre erste größere Konsolidierung seit Jahren. 2025 sanken die Gesamteinnahmen der IT-Unternehmen um 600 Millionen Euro auf 79,4 Milliarden Euro – ein Rückgang von 0,75 Prozent.

Zum Vergleich: Zwischen 2022 und 2024 hatte der Sektor noch ein durchschnittliches Wachstum von 22,5 Prozent pro Jahr verzeichnet. Der Abgang internationaler Wettbewerber hatte damals für einen Boom gesorgt.

Anzeige

Während sich die Software-Märkte konsolidieren, gewinnen neue technologische Richtlinien an Bedeutung. Dieser kostenlose Report klärt auf, welche rechtlichen Pflichten und Bedrohungen Unternehmer angesichts neuer KI-Gesetze und Cyberrisiken jetzt kennen müssen. Kostenlosen Cyber-Security Report sichern

Gehälter fallen, Investitionen stagnieren

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich die Folgen. Im ersten Quartal 2026 sanken die Gehälter für DevOps-Spezialisten und Designer um bis zu 20 Prozent. „Die Budgets werden knapper, der Wettbewerb wird härter“, so die Einschätzung von Marktbeobachtern.

Einzig der Cybersicherheitssektor zeigt noch Wachstum – ein Bereich, der für die russische Regierung von strategischer Bedeutung ist.

Makroökonomische Schieflage

Die IT-Krise ist eingebettet in eine allgemeine wirtschaftliche Schwächephase. Das russische Haushaltsdefizit lag zwischen Januar und April 2026 bei umgerechnet rund 84 Milliarden Euro – und damit bereits 50 Prozent über dem ursprünglichen Jahresziel.

Selbst der Immobilienmarkt leidet: 73 Prozent der Bauträger verfehlten im ersten Quartal 2026 ihre Verkaufsziele. Die Verschärfung der Familienhypotheken-Regeln im Februar hatte die Nachfrage einbrechen lassen.

Ausblick: Überleben der Stärksten

Marktanalysten erwarten für die nächsten zwei bis drei Jahre eine Phase der Konsolidierung. „Das ‚low-hanging fruit‘ der Importsubstitution ist gepflückt“, heißt es. Unternehmen, die keine nachhaltige Größe oder wiederkehrende Einnahmen erreicht haben, werden verwundbar.

Für MyOffice hat sich der Fokus komplett verschoben: Nicht mehr Expansion, sondern die Aufrechterhaltung bestehender Verträge und der Support für aktuelle Kunden stehen im Vordergrund. Ob das Unternehmen ohne weitere Kapitalspritzen seines Mehrheitseigners überleben kann, bleibt fraglich.