Die Niederlande treiben ihre digitale Unabhängigkeit voran und entwickeln einen eigenen, Linux-basierten digitalen Arbeitsplatz für öffentliche Einrichtungen. Die Initiative zielt darauf ab, die Abhängigkeit des öffentlichen Sektors von ausländischen Technologieunternehmen wie Microsoft schrittweise abzubauen.
Dieser Schritt folgt auf konkrete Entscheidungen einzelner Behörden gegen US-amerikanische Cloud-Lösungen. So hat die niederländische Steuer- und Zollverwaltung den geplanten Rollout von Microsoft 365 in der Cloud gestoppt. Ausschlaggebend für die Absage waren erhebliche Bedenken hinsichtlich digitaler Souveränität, Datensicherheit und Verschlüsselung.
Die Behörde setzt stattdessen vorerst auf eine Übergangsstrategie: Während für das E-Mail- und Kalendersystem weiterhin eine lokale On-Premises-Lösung auf Basis von Microsoft-Software betrieben wird, sind für die Jahre 2027 bis 2028 eigene Open-Source-Lösungen für Datenspeicherung und Kollaboration vorgesehen.
Strategische Beschaffung und lokale Software im Fokus
Parallel zu diesen Maßnahmen passt die niederländische Zentralregierung ihre IT-Beschaffungsstrategie an. Über die zentrale Einkaufs- und Lizenzorganisation SLM Rijk trat zum 1. Oktober 2026 ein mehrjähriger Rahmenvertrag mit dem IT-Konzern IBM in Kraft. Dieser umfasst ausschließlich On-Premise-Software von IBM sowie ausgewählten Drittanbietern und beinhaltet technischen Support über die IBM Technology Expert Labs. Software-as-a-Service-Dienste, Hardware sowie Appliances wurden in diesem Abkommen ausdrücklich ausgeschlossen.
Der Rahmenvertrag bündelt die Einkaufsmacht sämtlicher Ministerien und legt einheitliche Vorgaben für Governance, Sicherheit und rechtliche Compliance fest.
Das Ausmaß der öffentlichen IT-Ausgaben ist beträchtlich: Allein im Jahr 2024 wandte der niederländische Staat 230 Millionen Euro für Verträge mit acht großen Technologieanbietern auf, zu denen neben IBM auch Microsoft, Google Cloud, AWS, Oracle, SAP sowie IBM/Red Hat gehören. Mit all diesen Anbietern unterhält SLM Rijk bereits Lieferbeziehungen.
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Ausbau der nationalen Dateninfrastruktur
Neben der Arbeitsplatzsoftware investiert die Verwaltung in unabhängige Netzinfrastrukturen. Das IT-Beratungsunternehmen Conclusion sicherte sich kürzlich in einer öffentlichen Ausschreibung den Auftrag zur Entwicklung von Kernkomponenten der staatlichen Basis Data Infrastructuur.
Dieses System soll künftig als zentraler Knotenpunkt den Datenaustausch zwischen verschiedenen niederländischen Behörden steuern, um digitale Dienstleistungen für Bürger, staatliche Planungen sowie die koordinierte Katastrophenreaktion zu verbessern.
Hinter den Souveränitätsbestrebungen steht auch die wachsende Sorge vor Zugriffen ausländischer Behörden. Niederländische Gesetzgeber sowie heimische Cloud-Anbieter betonen zunehmend, dass die technologische Handlungsfähigkeit des Landes durch extraterritoriale Gesetze und internationale Marktmonopole gefährdet wird.
Verstärkt wurde diese Diskussion durch einen Vorfall in einem Rechenzentrum in Amsterdam-Oost. Dort war auf ein Rechtshilfeersuchen der Vereinigten Staaten hin ein Server des italienischen Providers Autistici/Inventati beschlagnahmt worden.
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Der italienische Dienst hatte rund 25 Jahre lang kostenlose Hosting- und E-Mail-Dienste für Aktivisten und rund 20.000 Organisationen bereitgestellt, stellte seinen Betrieb jedoch ein, nachdem US-Sanktionen Ende August 2026 den Verlust von Domain, Bank- und Zahlungskonten zur Folge hatten. Die kontoführende Banca Etica hatte das Guthaben aus Furcht vor sekundären US-Sanktionen für ihre 130.000 Kunden eingefroren.
Der niederländische Branchenverband Dutch Cloud Community richtete daraufhin einen Brandbrief an die Polizei und warnte vor einem Freibrief für US-Behörden ohne unabhängige niederländische Rechtsprüfung.
Die Staatsanwaltschaft Amsterdam verwies demgegenüber darauf, dass die Maßnahme auf dem geltenden Rechtshilfeabkommen basiere und die sichergestellten Daten bislang noch nicht an die US-Justiz übermittelt worden seien.
Der Fall verdeutlicht jedoch den politischen Handlungsdruck, kritische IT-Strukturen und Behördenarbeitsplätze künftig enger an europäische Rechtsräume und offene Standards zu binden.

