NVIDIA-Aktie stürzt ab: 250 Milliarden Dollar Marktwert vernichtet

NVIDIA-Aktie verliert über vier Prozent an Wert. China-Geschäft bricht ein und die Diskussion um zu optimistische Abschreibungen belastet den Kurs.

New York — Der KI-Chip-Primus NVIDIA hat einen herben Dämpfer erlitten: Die Aktie verlor am Freitag über vier Prozent an Wert und riss dabei rund 250 Milliarden Dollar mit in die Tiefe. Der Kursrutsch auf 225,32 Dollar spiegelt die wachsende Nervosität der Anleger wider – sie fragen sich, wie lange der KI-Boom noch anhalten kann.

Der Absturz kommt nach einer Phase historischer Rekorde. Erst im Juli 2025 war NVIDIA als erstes Unternehmen überhaupt an der 4-Billionen-Dollar-Marke gekratzt, Mitte Mai dieses Jahres lag die Marktkapitalisierung sogar bei 5,5 Billionen Dollar. Doch die Stimmung kippt: Berichte über nachlassende Nachfrage bei großen Cloud-Anbietern und anhaltende Probleme in China setzen dem Konzern zu.

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Chinas Chip-Strategie wird zum Risiko

Ein zentraler Auslöser der Turbulenzen ist das schwierige Verhältnis zwischen Washington und Peking. Anfang Mai gegenhmigte das US-Handelsministerium rund zehn chinesischen Tech-Firmen – darunter Alibaba, Tencent und ByteDance – den Kauf von NVIDIAs H200-KI-Chips. Die erhoffte Entspannung blieb jedoch aus: Die chinesische Regierung verweigerte die Gegenseitigkeit und ließ die Lieferungen nicht zu.

Peking setzt verstärkt auf heimische Chip-Produktion. NVIDIAs Anteil am chinesischen KI-Chip-Markt ist von einst 95 Prozent auf etwa acht Prozent eingebrochen. Gleichzeitig haben chinesische Alternativen im ersten Quartal 2026 die 55-Prozent-Marke geknackt. Paul Triolo vom Beratungsunternehmen DGA-Albright Stonebridge Group sieht darin eine ernste langfristige Bedrohung: „Die Nachfrage nach industriellen KI-Anwendungen in China ist robust, aber der Drang nach einer unabhängigen Lieferkette wird US-Chiphersteller noch lange begleiten.“

Die diplomatischen Bemühungen von US-Präsident Trump, der erst vor Tagen zu einem hochkarätigen Besuch in Peking weilte, scheinen verpufft. Die Weigerung chinesischer Unternehmen, die genehmigten H200-Chips abzunehmen, lässt befürchten, dass einer der größten Tech-Märkte der Welt auf Dauer verloren geht.

Der Streit um die Abschreibung – platzt die KI-Blase?

In der Branche tobt eine grundsätzliche Debatte: Wie lange sind KI-Chips eigentlich wirtschaftlich nutzbar? Während die großen Hyperscaler ihre GPU-Server über vier bis sechs Jahre abschreiben, hält der bekannte Investor Michael Burry diesen Zeitraum für viel zu optimistisch.

Burry, der bereits 2025 gegen NVIDIA und Palantir gewettet hat, argumentiert: Der rasante Entwicklungszyklus – von Hopper über Blackwell hin zur kommenden Rubin-Architektur – mache Hardware bereits nach zwei bis drei Jahren kommerziell überholt. Seine Rechnung: Tech-Konzerne könnten zwischen 2026 und 2028 Abschreibungen in Höhe von umgerechnet rund 160 Milliarden Euro zu niedrig ansetzen. Das würde Gewinne künstlich aufblähen und die tatsächliche Rendite der KI-Investitionen verschleiern.

NVIDIA weist die Kritik entschieden zurück. In einem vertraulichen Schreiben an Wall-Street-Analysten betont das Unternehmen, dass seine GPUs auch nach der Trainingsphase für Folgeaufgaben und Inferenz nützlich blieben. Die A100-Serie aus dem Jahr 2020 sei immer noch im Einsatz – ein Beleg für die Langlebigkeit der Hardware. Dennoch wächst unter institutionellen Anlegern die Skepsis: Droht ein ähnliches Überangebot wie beim Glasfaser-Boom der frühen 2000er?

Milliarden-Investitionen unter der Lupe

Die jüngsten Kapitalausgaben der großen Cloud-Anbieter heizen die Diskussion zusätzlich an. Meta etwa hat seine KI-Investitionen für 2026 auf umgerechnet rund 130 Milliarden Euro hochgeschraubt – und damit bei Aktionären für Unmut gesorgt. Die kombinierten Ausgaben der fünf größten Hyperscaler belaufen sich in diesem Jahr auf rund 640 Milliarden Euro, mehr als das Dreifache des Werts von 2024.

Die Unternehmen agieren inzwischen mit einer Kapitalintensität, die eher an Versorger als an Tech-Konzerne erinnert. Jeder Hinweis auf eine Verlangsamung bei Server-Bestellungen oder eine Hinwendung zu selbst entwickelten ASICs – wie sie Google und Amazon vorantreiben – wird als Bedrohung für NVIDIAs Dominanz gewertet.

Alle Augen richten sich nun auf den 20. Mai 2026. Dann legt NVIDIA die Zahlen für das erste Fiskalquartal vor. Analysten erwarten einen Umsatz von umgerechnet rund 72 Milliarden Euro und einen Gewinn je Aktie von 1,74 Dollar. NVIDIA hat in der Vergangenheit regelmäßig die Erwartungen übertroffen – doch die Toleranz für Enttäuschungen ist auf dem Nullpunkt.

Zwischen Hoffnung und Realitätscheck

Trotz der aktuellen Verwerfungen bleiben viele Analysten langfristig optimistisch. Der Übergang zu den Blackwell- und Rubin-Plattformen verspricht deutliche Fortschritte bei Energieeffizienz und Rechenleistung. Dan Ives von Wedbush Securities sieht die Konsolidierung als gesunde Neubewertung – nicht als grundlegende Trendwende.

Doch die Ära des „blinden Glaubens“ an KI geht zu Ende. Gefragt sind handfeste Ergebnisse. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich die milliardenschweren Investitionen in Rechenleistung durch marktfähige KI-Produkte amortisieren lassen. Sollten die Renditen sinken, dürfte der Druck auf NVIDIA wachsen – besonders, weil Wettbewerber und chinesische Chip-Hersteller den einst uneinholbaren Vorsprung des Konzerns Stück für Stück verkürzen.