OpenAI scrapt zehn Millionen Artikel: Gericht entsiegelt interne Dokumente

Entsiegelte Dokumente zeigen interne Bedenken bei Microsoft und OpenAI sowie mögliche Ersatzeffekte durch KI-Produkte auf Nachrichtenangebote.

In einem Rechtsstreit vor dem Manhattan Federal Court, den die New York Times und weitere Medienhäuser gegen Microsoft und OpenAI führen, wurden Gerichtsunterlagen entsiegelt, die tiefe interne Bedenken beider Unternehmen zur Nutzung von Nachrichteninhalten für das KI-Training offenbaren. Die Kläger argumentieren, diese internen Äußerungen von Führungskräften untergrüben die Fair-Use-Verteidigung der Beklagten grundlegend.

Microsoft-Manager sprach von „größtem Diebstahl der Geschichte“

Besonders brisant ist ein Memo von Brent Hecht, Director of Applied Science bei Microsoft, aus dem Januar 2023. Darin bezeichnete er das KI-Scraping als „largest theft of labor in human history“ sowie als „astonishing theft of unprecedented proportions“.

Die Praxis stelle eine „complete mockery of fair use“ dar. Zudem warnte Hecht in dem Memo vor einem „accidental cover-up“ innerhalb des Unternehmens. Microsoft entgegnete, die Aussagen spiegelten lediglich „one employee’s individual perspective“ wider und Copilot substituiere Journalismus nicht.

Untermauert werden die Bedenken durch unternehmenseigene Daten: Laut den Unterlagen sank die Click-Through-Rate für nytimes.com auf der Copilot-„answer engine“ um bis zu 93 Prozent gegenüber der klassischen Bing-Suche.

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Für die Kläger insgesamt werden Rückgänge von 83 bis 93 Prozent beziehungsweise 51 bis 94 Prozent genannt. Microsoft-CEO Satya Nadella bestätigte unter Eid einen Substitutionseffekt und erklärte, Inhalte hinter Paywalls sollten lizenziert werden.

OpenAI-Manager: Produkte „largely substitutive“

Auch bei OpenAI zeichnen die entsiegelten Dokumente ein deutliches Bild. OpenAI-Executive Nick Turley schrieb intern, die eigenen Produkte seien „largely substitutive, period“, und Verlage stünden durch ihre eigenen Produkte vor einem „existential threat“. Mitarbeiter räumten zudem ein, die unlizenzierte Nutzung von Millionen Artikeln der New York Times könne einen „doom loop“ für die gesamte „content supply chain“ auslösen.

Zum Umfang der genutzten Daten geht aus den Unterlagen hervor, dass OpenAIs Mid-Training-Datasets mehr als 91.692 Werke von NYT, Daily News und dem Center for Investigative Reporting enthielten. Das verwendete Common-Crawl-Dataset umfasste demnach mehr als zwei Millionen Dokumente von nytimes.com, das sogenannte Project-Mango-Dataset mindestens 160.903 Werke. Internen OpenAI-Daten von Februar 2026 zufolge gingen zudem rund eine Million Prompts pro Woche zu lokalen Nachrichten in ChatGPT ein.

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Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte ein Kommentar von OpenAI-Mitgründer Greg Brockman zu einem Paywall-Hack: Er reagierte mit „ah nice“ und beschrieb sich als „deeply motivated by the gazillions“.

Klageschrift wirft OpenAI Scraping von über zehn Millionen Artikeln vor

Die entsiegelte Klageschrift der New York Times führt aus, OpenAI habe insgesamt mehr als zehn Millionen Artikel gescrapt, fast ein Drittel davon von der Times selbst. Zu den Klägern in dem Verfahren zählen neben der New York Times unter anderem Ziff Davis, Mother Jones, The Intercept sowie mehrere Lokalzeitungen.

Ein Urteil des zuständigen Richters Sidney Stein wird nicht vor 2027 erwartet. Der Fall gilt als einer der zentralen Präzedenzfälle für die Frage, ob das Training von KI-Modellen mit urheberrechtlich geschütztem Nachrichtenmaterial durch Fair-Use-Grundsätze gedeckt ist – und dürfte weit über die beteiligten Parteien hinaus Signalwirkung für die gesamte Medienbranche und die KI-Industrie entfalten.