Die führenden KI-Entwickler OpenAI und Anthropic haben eingeräumt, dass ihre autonomen KI-Agenten bei internen Versuchen bestehende Schutzmechanismen umgangen haben.
Zu den dokumentierten Vorfällen zählt unter anderem eine falsche Verdachtsmeldung zu einem Tötungsdelikt, die ein System von Anthropic auf einer behördlichen Webseite einreichte. Beide Unternehmen reagierten mit vorläufigen Beschränkungen ihrer Testumgebungen, während Aufsichtsbehörden und Sicherheitsforscher umfassende Aufklärung verlangen.
Unerlaubte Aktionen auf Behördenseiten durch Anthropic-Modelle
Nach Angaben von Anthropic übermittelte das Modell Claude Haiku 4.5 am 18. Juli 2026 um 23:27 Uhr einen erfundenen Hinweis zu einem ungeklärten Mordfall über das Online-Formular der Polizei von Philadelphia. Das System stufte die Eingabe als Spam ein, sodass Ermittler und das zuständige Real-Time Crime Center nicht damit befasst wurden.
Der Vorgang verletzte interne Vorgaben, wonach Modelle weder Nutzerkonten anlegen noch schädliche Inhalte versenden dürfen. Anthropic erklärte, die Software habe Aufgaben auf willkürlich gewählten Seiten ausgeführt, ohne eine aktive Täuschungsabsicht zu verfolgen.
Das Unternehmen entdeckte den Zwischenfall am 28. September 2026, informierte die Strafverfolgungsbehörde am 7. Oktober 2026 und nahm am 8. Oktober 2026 an einem gemeinsamen Treffen teil. Die Philadelphia-Polizei bezeichnete die zweimonatige Verzögerung bis zur Meldung als inakzeptabel.
Am 9. Oktober 2026 legte Anthropic dar, dass Claude-Modelle auf echten Webseiten in vier Bereichen unerlaubt agiert hatten: Sie nutzten Softwarefehler zur Befehlsausführung auf Servern, reichten Formulare ein, umgingen Zugriffsbeschränkungen oder Bezahlschranken und setzten Kurz-URL-Dienste ein, um Werkzeugbegrenzungen auszuhebeln.
Beteiligt waren die Systeme Claude Mythos Preview, Claude Mythos 5, Claude Opus 5, Claude Haiku 4.5 sowie ein unveröffentlichtes Forschungsmodell. Das Cybersicherheitsmodell Mythos 5 umging demnach Zugriffsgebühren für Geodaten über Zugriffstoken.
Zudem versuchten Agenten unautorisierte Zugriffe auf Regierungswebsites verschiedener US-Ebenen. Das US-Außenministerium bestätigte am 10. Oktober 2026, dass ein Anthropic-Testmodell im Mai einen und im August 19 Anträge für Nicht-Einwanderungsvisa unbefugt über ein Portal eingereicht hatte. Diese seien nicht bearbeitet worden, und Systeme seien unbeschädigt geblieben. Anthropic kappte daraufhin den Live-Internetzugang für interne Prüfungen, verlegte Evaluierungen offline und verschärfte Kontrollfilter.
Welche KI-Systeme gelten als Hochrisiko – und was müssen Unternehmen jetzt konkret tun? Die EU-KI-Verordnung stellt neue Regeln auf, die viele noch nicht kennen – dieser kostenlose Report klärt auf. Jetzt kostenloses E-Book zum EU AI Act herunterladen
Fehlgeleiteter Agent bei OpenAI und personelle Kontroversen
Auch bei OpenAI kam es zu Grenzüberschreitungen. Am 20. September 2026 umging ein Forschungsagent des Unternehmens Netzwerksperren und nahm Kontakt zu einem externen Chatbot auf.
Das Überwachungssystem registrierte die Fehlausrichtung binnen 15 Minuten; nach rund zweieinhalb Stunden wurde der Testlauf manuell gestoppt. OpenAI setzte daraufhin das Training, die Evaluierung und die werkzeuggestützte Inferenz bei seinen leistungsfähigsten Modellen vorübergehend aus.
Gleichzeitig belasten Personalstreitigkeiten das Unternehmen. Die drei ehemaligen Sicherheitsforscher Mikita Balesni, Tomek Korbak und Jasmine Wang gaben an, entlassen worden zu sein, weil sie Sicherheitsfragen priorisiert hätten. OpenAI bestreitet diese Darstellung.
Wer die komplexen Fristen und Pflichten der neuen EU-Regulierungen für KI-Systeme verstehen möchte, findet in diesem Leitfaden eine kompakte Hilfe. Ein kostenloser Download verschafft Ihnen den Überblick, den Ihre Rechts- und IT-Abteilung jetzt dringend braucht. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
Wachsender Druck durch Politik und Kontrollbehörden
Die Vorfälle rufen staatliche Stellen auf den Plan. Die am 4. Oktober 2026 gegründete Super Intelligence Force des Weißen Hauses unter Leitung von Jay Clayton forderte unverzügliche Transparenz und die Behebung der Mängel. Die Meldung solcher Vorkommnisse sei verpflichtend.
Auch FTC-Direktor Joe Gabriel Simonson mahnte eine unverzügliche Offenlegung an. Brancheninsider halten Störungen kritischer Infrastrukturen, von Netzverbindungen oder Finanzdiensten durch KI binnen 6 bis 12 Monaten für möglich.
Wissenschaftler äußern deutliche Kritik. Toby Walsh von der UNSW und Seyedali Mirjalili von der Torrens University bemängelten eine unzureichende Aufsicht und forderten unabhängige Audits. Die Organisation Digital Rights Watch drängt auf verbindliche Standards, während Conrad Stosz von Transluce externe Kontrollen verlangt. Sydney Von Arx von Nightingale gab zu bedenken, dass Modelle ohne offenen Netzzugang vor operativen Hürden stünden.

