Microsoft, Google und europäische Anbieter haben am Mittwoch zeitgleich neue Sicherheitsstandards eingeführt. Ziel ist der Abschied von traditionellen Passwörtern – und der Kampf gegen KI-gestützten Identitätsbetrug.
Microsoft macht Passkeys zur Pflicht
Der Softwarekonzern aus Redmond stellt ab sofort bei Geschäftskunden auf passwortlose Authentifizierung um. SMS-Codes und Telefonanrufe als Verifikationsmethode werden damit abgelöst. Diese Verfahren galten zuletzt als zunehmend anfällig für Abhörangriffe und Social Engineering.
Der Schritt folgt einem Branchentrend hin zu den offenen Standards FIDO2 und WebAuthn. Eine aktuelle Studie zu großen Identitätssystemen zeigt: Passwortlose Verfahren reduzieren zwar den Diebstahl von Zugangsdaten erheblich. Doch es bleiben Herausforderungen – etwa beim Nutzervertrauen, der Geräteverwaltung und der Zusammenarbeit verschiedener Plattformen.
Google setzt auf Selfie-Videos
Auch der Suchmaschinenriese zieht nach. Google führt ein neues Verfahren zur Kontowiederherstellung ein: Nutzer, die den Zugriff auf ihr Hauptgerät verloren haben, können sich künftig per Video-Selfie identifizieren. Dabei zeichnen sie Kopfbewegungen auf – das System prüft in Echtzeit, ob die Aufnahme nicht manipuliert ist.
Die biometrischen Daten werden verschlüsselt gespeichert. Nutzer behalten die Kontrolle über die Löschung dieser Informationen. Das Feature versteht Google als zusätzliche Sicherheitsebene – nicht als direkten Ersatz für Passkeys.
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38 Millionen Europäer bekommen Passkey-Zugang
In Deutschland, Österreich und der Schweiz rollen die E-Mail-Dienste GMX und WEB.DE ab sofort Passkey-Logins für rund 38 Millionen Nutzer aus. Weltweit sind derzeit etwa fünf Milliarden aktive Passkeys im Einsatz.
Parallel dazu wächst die Infrastruktur für digitale Identitäten. Die Plattform Nect Ident erhielt die Zertifizierung nach eIDAS 2.0 – dem europäischen Standard für vertrauenswürdige digitale Dienste. Damit ist das Unternehmen berechtigt, qualifizierte elektronische Signaturen und grenzüberschreitende Transaktionen im Rahmen der EUDI-Wallet-Infrastruktur anzubieten.
Neue Protokolle für alte Systeme
Passkeys lösen viele Probleme moderner Webdienste. Doch für Offline-Umgebungen und ältere Systeme braucht es eigene Lösungen. Zwei neue Verfahren wurden vorgestellt:
- PulseProof Sentinel Protocol (PPS): Dieses quelloffene Protokoll soll den verbreiteten TOTP-Standard (zeitbasierte Einmalpasswörter) ersetzen. Es eignet sich besonders für Transaktionssignaturen und IoT-Geräte.
- Biometrische Smart Cards: Der Anbieter Cyphercor bringt FIDO2-fähige Sicherheitschips auf den Markt. Sie ermöglichen fingerabdruckgeschützte Logins für Remote-Desktops und den Offline-Zugriff auf Windows-Rechner.
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Die Bedrohungslage verschärft sich
Der Vorstoß kommt nicht von ungefähr. Forscher warnen vor einer rasanten Zunahme von KI-basierten Betrugsmaschen. Branchenanalysten rechnen bis 2027 mit einem Schadensvolumen von umgerechnet rund 37 Milliarden Euro allein durch KI-gestützte Angriffe.
Besonders alarmierend: Deepfake-Vishing-Attacken – also betrügerische Anrufe mit täuschend echten Stimmen – stiegen zwischen dem vierten Quartal 2024 und dem ersten Quartal 2025 um 1.600 Prozent.
Sicherheitsexperten fordern daher ein neues Modell: die „Continuous Authentication“. Statt einer einmaligen Prüfung beim Login überwacht das System das Nutzerverhalten während der gesamten Sitzung – und erkennt Anomalien in Echtzeit.
Wie dringend die Umstellung ist, zeigt ein aktueller Vorfall: Am Mittwoch wurde eine Sicherheitslücke in der Zimbra Collaboration Suite bekannt. Die Hackergruppe Laundry Bear nutzt den als „beehive“ bezeichneten Zero-Click-Exploit, um E-Mail-Daten aus Regierungs-, Energie- und Technologieunternehmen zu stehlen.

