Rund 38 Millionen Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz können ihre E-Mail-Konten ab sofort ohne Passwort nutzen. Die großen deutschen E-Mail-Anbieter GMX und WEB.DE haben am Dienstag die flächendeckende Einführung der Passkey-Authentifizierung gestartet. Der Schritt soll die Accounts gegen Phishing und Identitätsdiebstahl wappnen.
Schluss mit lästigen Passwörtern
Die neue Technologie erlaubt den Zugriff auf E-Mail-Konten per Fingerabdruck, Gesichtserkennung oder gerätespezifischer PIN. Herkömmliche Passwörter bleiben vorerst noch als Alternative bestehen. Das System basiert auf den Sicherheitsstandards FIDO und WebAuthn. Der entscheidende Vorteil: Der private Schlüssel verbleibt dauerhaft auf dem Gerät des Nutzers und wird niemals an die Server der Anbieter übertragen. Klassische Phishing-Angriffe, die auf gestohlene Zugangsdaten setzen, laufen damit ins Leere.
Die Einführung kommt nicht von ungefähr. Laut aktuellen Zahlen der FIDO Alliance waren im Mai 2026 weltweit bereits über fünf Milliarden Passkeys im Einsatz. Rund 75 Prozent aller Verbraucher haben die Funktion bereits aktiviert. Dennoch bieten 36 Prozent der 50 meistbesuchten Websites noch immer keine Passkey-Unterstützung.
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Großkonzerne ziehen nach
Der Schritt der deutschen E-Mail-Anbieter reiht sich ein in eine branchenweite Bewegung hin zu passwortlosen Umgebungen. Microsoft hat angekündigt, Passkeys ab dem 1. September 2026 zur Standard-Authentifizierungsmethode für Entra ID zu machen. Noch drastischer: Bereits zum 1. Februar 2027 will der Konzern SMS- und sprachbasierte Authentifizierung komplett einstellen. Die Begründung: Diese Verfahren seien zu anfällig für Abhörangriffe.
Die Dringlichkeit solcher Maßnahmen zeigt ein Blick auf die aktuelle Bedrohungslage. KI-gesteuerte Phishing-Kampagnen erzielen mittlerweile Klickraten von bis zu 54 Prozent – ein enormer Sprung gegenüber den 12 Prozent bei traditionellen Angriffen. Erst am Montag gelang es deutschen Ermittlungsbehörden, darunter das Bundeskriminalamt (BKA) und die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT), die Phishing-Plattform „Kratos“ zu zerschlagen. Die Plattform hatte seit 2024 monatlich rund 15.000 Phishing-Kampagnen ermöglicht und dabei etwa 300.000 Euro illegale Einnahmen generiert.
Neue Hardware und Banking-Standards
Die Infrastruktur für passwortlose Authentifizierung wächst rasant. Ebenfalls am Montag brachte Yubico den YubiKey 5.8 auf den Markt. Das neue Modell unterstützt die aktuellen CTAP-2.3-Standards und ermöglicht verifizierte Autorisierungen für digitale Signaturen, Identitäts-Wallets und KI-gesteuerte Arbeitsabläufe. Bis zu 16 externe Identitätsanbieter können damit verwaltet werden.
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Auch der Finanzsektor rüstet auf: OneSpan präsentierte am Dienstag seine Plattform DigipassONE. Das System vereint verschiedene Authentifizierungsmethoden wie FIDO2 und Passkeys. Ziel ist es, Finanzinstitute fit zu machen für die EU-Initiative zur digitalen Identitäts-Wallet und künftige Regulierungen wie PSD3. OneSpan beliefert bereits über 60 Prozent der 100 größten Banken weltweit.
Technische Startschwierigkeiten
Ganz reibungslos verlief der Start der Passkey-Offensive allerdings nicht. Am selben Tag meldete GMX vorübergehende Login-Störungen auf dem Web-Portal. Ursache waren Server-Probleme. Der Zugriff über mobile Apps und E-Mail-Programme blieb davon verschont.

