Microsoft, Google und Regierungen treiben den Abschied von klassischen Passwörtern massiv voran. Weltweit sind bereits fünf Milliarden Passkeys im Einsatz – ein Meilenstein auf dem Weg zur passwortlosen Authentifizierung.
Der Druck auf Unternehmen und Nutzer wächst: Cyberangriffe werden immer raffinierter, traditionelle Sicherheitsverfahren gelten zunehmend als unzureichend. Die Branche reagiert mit konkreten Deadlines und neuen Technologien.
Microsoft setzt harte Fristen
Der Softwarekonzern aus Redmond hat klare Zeitpläne vorgelegt. Ab dem 1. September 2026 wird Microsoft Entra ID standardmäßig auf Passkeys umstellen. Noch weiter geht der Schritt für ältere Verfahren: SMS- und sprachbasierte Zwei-Faktor-Authentifizierung (MFA) werden zum 1. Februar 2027 eingestellt. Parallel dazu baut Microsoft die Unterstützung für das veraltete Kerberos RC4-Protokoll schrittweise ab.
Der jüngste Patch-Day im Juli 2026 untermauerte die Dringlichkeit: Mit 622 behobenen Sicherheitslücken – darunter 59 kritische Schwachstellen und drei Zero-Day-Exploits – stellte Microsoft einen neuen Rekord auf. Ein KI-gestütztes Tool namens MDASH half dabei, das immense Update-Paket zu koordinieren. Mehr als 570 der Korrekturen betrafen allein Windows 11.
Google und Singapur bauen Infrastruktur aus
Auch außerhalb des Microsoft-Kosmos gewinnt der FIDO2-Standard an Fahrt. Google hat seinen Credential Provider für Windows (GCPW) aktualisiert: Workspace-Administratoren können nun physische Sicherheitsschlüssel und Smartphone-basierte Passkeys für Windows-Anmeldungen vorschreiben. Die Technologie nutzt per Bluetooth verbundene Mobilgeräte als zweiten Faktor – eine Zwei-Stufen-Prüfung direkt auf Betriebssystemebene.
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Singapur geht noch einen Schritt weiter: Der Stadtstaat hat ein Passkey-System für seine Singpass-Plattform gestartet, die über 5,5 Millionen Nutzer zählt. Der Hintergrund: Die Behörden verzeichneten für 2025 Phishing-Schäden von knapp 40 Millionen Euro. Indem die Authentifizierung an legitime Domains gebunden wird, sollen Betrüger ihre wichtigste Angriffsfläche verlieren. Aktuell rollt das System für Android-Nutzer aus, eine Erweiterung auf Laptops und Desktop-Computer ist geplant.
KI-Agenten bekommen Zugriff – ohne Passwörter zu sehen
Die Sicherheitsbranche denkt bereits weiter: Am 18. Juli 2026 brachte 1Password eine Integration mit dem KI-Modell Claude auf den Markt. Das System erlaubt es KI-Agenten, sich auf Websites anzumelden und Aufgaben zu erledigen – ohne jemals die tatsächlichen Zugangsdaten des Nutzers zu sehen. Die Architektur setzt auf Zero-Exposure: Jeder Zugriff erfordert eine biometrische Freigabe, und ein sogenannter „Agentic Mode“ sperrt den Passwort-Tresor, während die KI arbeitet.
Parallel dazu hat Keeper Security eine Cloud-Plattform für privilegierte Zugriffe vorgestellt. Laut Unternehmensangaben fehlt bei 64 Prozent der Organisationen eine konsolidierte Verwaltung für Administratoren-Zugänge. Der neue Dienst gewährt zeitlich begrenzte Berechtigungen für große Cloud-Umgebungen wie Microsoft Entra ID, AWS und Google Cloud – das Ziel: Zero Standing Privilege, also keine dauerhaften Admin-Rechte mehr.
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Angriffswelle beschleunigt den Wandel
Der Branchenvorstoß kommt nicht von ungefähr. Aktuelle Sicherheitsberichte zeigen: Der unbefugte Zugriff auf Geräte ist zur häufigsten Identitätsdiebstahl-Methode bei Erwachsenen zwischen 35 und 64 Jahren geworden. Zudem beobachteten Experten kürzlich Angriffe, bei denen OAuth-Client-IDs gefälscht wurden, um Anmeldeprotokolle in Microsoft Entra ID zu umgehen.
Auch klassische Infrastruktur bleibt verwundbar. Mitte Juli wurden kritische Zero-Day-Lücken in SonicWall SMA 1000-Serien (CVE-2026-15409 und CVE-2026-15410) gemeldet – sie werden bereits aktiv ausgenutzt. Ein Ransomware-Angriff am 16. Juli 2026 legte zudem die Produktion der Fairlife-Milchwerke von Coca-Cola lahm. Ein weiteres Beispiel dafür, welche realen Schäden durch kompromittierte Zugangsdaten entstehen können.
Die FIDO Alliance sieht die Branche auf einem guten Weg: 90 Prozent der Verbraucher kennen demnach die Passkey-Technologie, 75 Prozent haben bereits mindestens einen Passkey aktiviert. Infrastruktur und Nutzerbereitschaft nähern sich an – die Voraussetzung für den großen Abschied vom Passwort.

