Pentagon zwingt KI-Firma Anthropic in Ultimatum

Das Pentagon stellt Anthropic ein Ultimatum für uneingeschränkten KI-Zugang. Das Unternehmen lehnt die Aufhebung seiner ethischen Sicherheitsvorgaben ab, was einen Präzedenzfall schaffen könnte.

Das US-Verteidigungsministerium droht dem KI-Unternehmen Anthropic mit Vertragskündigungen und einer schwarzen Liste. Grund ist die Weigerung, Sicherheitsbeschränkungen für das Militär aufzuheben. Die Deadline läuft heute Abend um 23:01 Uhr MEZ ab.

Anzeige

Während Regierungen über den militärischen Einsatz von KI streiten, reguliert die neue EU-KI-Verordnung bereits verbindlich den zivilen Sektor. Dieser kostenlose Leitfaden erklärt Ihnen kompakt die wichtigsten Pflichten, Risikoklassen und Fristen für Ihr Unternehmen. EU-KI-Verordnung kompakt: Jetzt Gratis-E-Book sichern

Ultimatum für uneingeschränkten KI-Zugang

Verteidigungsminister Pete Hegseth stellte Anthropic am Dienstag ein drastisches Ultimatum. Das Unternehmen muss dem Militär bis Freitagabend uneingeschränkten Zugriff auf sein KI-Modell Claude gewähren. Andernfalls kündigt das Pentagon Verträge und stufe die Firma als Lieferkettenrisiko ein.

Diese Einstufung würde Anthropic faktisch von allen künftigen US-Regierungsaufträgen ausschließen. Betroffen ist ein Vertrag aus dem Sommer 2025 im Wert von rund 185 Millionen Euro. Das Pentagon argumentiert, der Staat dürfe sich bei Operationen nicht von Privatfirmen vorschreiben lassen, wie erworbene Technologie einzusetzen sei.

Anthropic weicht nicht von Sicherheitsvorgaben ab

Trotz der Drohungen lehnte Anthropic-Chef Dario Amodei die Forderungen am Donnerstagabend klar ab. „Wir können dies mit gutem Gewissen nicht zustimmen“, erklärte er. Das Unternehmen beharrt auf zwei ethischen Grenzen: Claude darf nicht für Massenüberwachung von US-Bürgern eingesetzt werden und nicht in vollautonome Waffensysteme integriert werden.

Das Pentagon hatte angeblich einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Anthropic wertete die neuen Vertragsformulierungen jedoch als leere Hülle. Die Klauseln würden dem Militär weiterhin erlauben, die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen.

Offizielle Sprecher betonten zwar, das Militär plane weder illegale Überwachung noch vollautonome Waffen. Konkrete vertragliche Verbote dieser Anwendungen lehnt das Verteidigungsministerium jedoch ab. Stattdessen pocht es auf eine allgemeine Erlaubnis für „alle rechtmäßigen Zwecke“.

Präzedenzfall für die gesamte Tech-Branche

Der Konflikt hat Signalwirkung für die gesamte Verteidigungs- und Technologiebranche. Bislang war Anthropic der einzige KI-Anbieter, dessen Modelle in den geheimen Militärnetzen der USA laufen durften. Claude wird dort für Geheimdienstanalysen, Operationsplanung und Cyber-Missionen genutzt.

Doch die Exklusivität schwindet. Kürzlich erhielt auch Elon Musks xAI eine Zulassung für die klassifizierten Netzwerke. Große Konkurrenten wie Google und OpenAI verfolgen den Streit aufmerksam. Sollte das Pentagon sich durchsetzen, würde dies einen klaren Präzedenzfall schaffen: Bei Verteidigungsaufträgen hätten militärische Erfordernisse stets Vorrang vor unternehmenseigenen Ethikrichtlinien.

Anzeige

Der Einsatz moderner KI-Systeme bringt neben regulatorischen Anforderungen auch neue Herausforderungen für die IT-Sicherheit mit sich. Erfahren Sie in diesem Experten-Report, wie Sie Ihr Unternehmen effektiv gegen aktuelle Cyber-Bedrohungen wappnen und die IT-Sicherheit ohne Budget-Explosion stärken. Kostenlosen Cyber-Security-Leitfaden herunterladen

Paradoxe Drohungen und politische Reaktionen

Beobachter weisen auf einen Widerspruch in der Regierungsstrategie hin. Die Drohung mit der Einstufung als Lieferkettenrisiko unterstellt Anthropic, eine Gefahr für die nationale Sicherheit zu sein. Gleichzeitig erwägt das Weiße Haus, den Defense Production Act anzuwenden – ein Notstandsgesetz, das die erzwungene Lieferung von kriegswichtigen Gütern erlaubt. Dies setzt jedoch voraus, dass die Technologie unverzichtbar ist.

Im US-Kongress mehren sich Stimmen, die klare gesetzliche Regeln für den KI-Einsatz im Sicherheitsbereich fordern. Der öffentlich ausgetragene Streit ist für Verteidigungsgeschäfte ungewöhnlich. Branchenvertreter warnen, das aggressive Vorgehen könne Spitzentechnologieunternehmen und talentierte Entwickler abschrecken – und damit genau die technologische Überlegenheit gefährden, die das Pentagon gegenüber geopolitischen Rivalen bewahren will.

Was nach der Deadline folgen könnte

Sollte das Pentagon seine Drohungen wahr machen, beginnt ein komplexer Trennungsprozess. Andere Rüstungsunternehmen, die Anthropics KI in ihren Lösungen nutzen, müssten die Partnerschaften überprüfen oder beenden. Anthropic kündigt an, im Falle einer Vertragskündigung einen reibungslosen Übergang zu einem alternativen KI-Anbieter zu unterstützen.

Die Entscheidung wird die Machtverhältnisse im KI-Zeitalter neu definieren: Wie viel unternehmerische Souveränität bleibt Tech-Firmen gegenüber staatlichen Sicherheitsinteressen? Die Branche wartet gespannt darauf, ob die US-Regierung ihre beispiellosen Drohungen in die Tat umsetzt – und damit die Beschaffungspraxis für Zukunftstechnologien dauerhaft verändert.