Pflegende Angehörige: Fast 55 Prozent versorgen Pflegebedürftige allein

Fast 5,7 Millionen Menschen sind pflegebedürftig; politische Reformpläne und regionale Projekte sollen die häusliche Pflege entlasten.

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Aktuelle Untersuchungen und Berichte verdeutlichen eine wachsende psychische Belastung sowie einen dringenden Bedarf an Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige. Die mentale Erschöpfung vieler Betroffener rückt zunehmend in den Fokus, während das Pflegesystem unter erheblichem finanziellem und strukturellem Druck steht.

Nach der Pflegestatistik aus dem Jahr 2023 gibt es in Deutschland knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftige. Fast 55 Prozent von ihnen werden allein durch Verwandte, Freunde und ehrenamtlich Pflegende versorgt. Laut dem Statistischen Bundesamt werden bundesweit fast neun von zehn Pflegebedürftigen zu Hause betreut; in Berlin liegt der Anteil nach Angaben des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg bei rund 87 Prozent von etwa 212.000 Betroffenen.

Langwierige Betreuung und frühe Verantwortung

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) befinden sich von den 5,7 Millionen Pflegebedürftigen lediglich rund 16 Prozent (etwa 900.000) in Pflegeheimen, wo die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei etwas mehr als zwei Jahren liegt. Im Gegensatz dazu versorgen Angehörige Demenzkranke häufig über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren im häuslichen Umfeld.

In Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, von denen mehr als zwei Drittel häuslich betreut werden. Jährlich treten ab einem Alter von 65 Jahren etwa 360.000 Neuerkrankungen auf, wovon rund 60 Prozent dem Alzheimer-Typ zuzurechnen sind.

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Bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg auf bis zu 2,6 Millionen Betroffene erwartet. Zudem leben rund 100.000 Menschen in Deutschland mit einer diagnostizierten Frühdemenz.

Die familiäre Fürsorge beginnt mitunter bereits in jungen Jahren: Betroffene sogenannte Young Carer übernehmen oft schon als Jugendliche weitreichende Pflegeaufgaben für chronisch kranke Elternteile oder Großeltern.

Fachleute aus der Pflegeberatung weisen darauf hin, dass eine klare Unterscheidung zwischen gewöhnlicher familiärer Unterstützung und einer potenziell überlastenden Pflegetätigkeit notwendig ist, um frühzeitig Hilfsangebote zu etablieren.

Debatten über geplante gesetzliche Neuregelungen

Die Belastung der häuslichen Pflege trifft auf politische Auseinandersetzungen über das geplante Pflegeneuordnungsgesetz. Die Pflegekassen warnen vor einem Defizit von 4,4 Milliarden Euro bis zum Jahresende, während Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann für 2027 einen Fehlbetrag von acht Milliarden Euro prognostiziert.

Der am 5. Juni 2026 vorgestellte Referentenentwurf sieht unter anderem vor, dass die Verhinderungspflege ab Januar 2027 als eigenständige Leistung entfällt und in vier neue Budgets überführt wird. Damit würde der seit dem 1. Juli 2025 geltende gemeinsame Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege von bis zu 3.539 Euro pro Jahr nach eineinhalb Jahren abgelöst.

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Kritik kommt unter anderem von der DAlzG: Zwar unterstützt der Verband den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch, fordert jedoch die Einbeziehung des ambulanten Bereichs. Zudem wird bemängelt, dass in Pflegegrad 1 lediglich Beratung statt praktischer Unterstützung vorgesehen sei und Betreuungsangebote ab dem 1. Januar 2027 wegzufallen drohen.

Der Verband fordert daher einen Bestandsschutz für den Entlastungsbetrag in Pflegegrad 1. Die Rücknahme einer Kürzung von Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige durch Minister Linnemann wurde hingegen positiv aufgenommen.

Regionale Entlastungsansätze und Vorsorgeangebote

Um der Erschöpfung von Angehörigen entgegenzuwirken, entstehen verschiedene regionale Initiativen. In Bayern fördert das Gesundheits- und Pflegeministerium über das Programm „Gute Pflege in Bayern – GutePflegeFöR“, das für 2026 rund 24 Millionen Euro bereitstellt, zwei Modellprojekte in Murnau am Staffelsee und Maisach mit insgesamt rund 510.000 Euro für Beratungslotsen.

In Nordrhein-Westfalen soll zudem ein bestehender Hotelbetrieb in Netphen-Deuz zum 1. Januar 2027 in eine Vorsorgeklinik für pflegende Angehörige umgewandelt werden. Die Einrichtung soll künftig stationäre Vorsorgemaßnahmen sowie psychosoziale und therapeutische Programme bieten, um pflegebedingten Erschöpfungszuständen präventiv zu begegnen.