Sicherheitsforscher beobachten eine zunehmende Erosion bewährter Schutzmechanismen: Die standardmäßige Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) bietet laut aktuellen Analysen immer weniger Schutz gegen die rasant fortschreitenden Methoden moderner Phishing-Kampagnen. Angreifer nutzen inzwischen spezialisierte Plattformen, um selbst komplexe Sicherheitsbarrieren zu umgehen und direkten Zugriff auf geschützte Unternehmensnetzwerke zu erlangen.
Im Zentrum dieser Entwicklung steht unter anderem die Plattform „Greatness“, ein bereits seit dem Jahr 2022 aktiver Anbieter von Phishing-as-a-Service (PhaaS). Dieser Dienst hat sein Instrumentarium erheblich erweitert und setzt mittlerweile auf sogenannte Adversary-in-the-Middle-Proxys (AiTM), Device-Code-Phishing und den gezielten Missbrauch von OAuth-Schnittstellen. Diese Techniken ermöglichen es den Akteuren, Sitzungscookies zu entwenden und so MFA-Hürden zu überspringen, ohne dass eine erneute Code-Eingabe durch den rechtmäßigen Nutzer erforderlich wird.
Der Zugang zu diesen Werkzeugen wird über den Messenger-Dienst Telegram für ein Abonnement von etwa 289 US-Dollar pro Monat vertrieben. Nach aktuellen Erkenntnissen verzeichnet die Plattform bereits mehr als 3.250 Abonnenten. Zielregionen der jüngsten Kampagnen sind vor allem die USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Südafrika. Als Zielplattformen dienen Microsoft 365, iCloud, Yahoo und Google Workspace. Dabei nutzen die Angreifer raffinierte Methoden wie das Spoofing von RingCentral-Voicemail-Nachrichten. Durch das gezielte Ausnutzen von Freigabelisten gelingt es ihnen zudem, Sicherheitsstandards wie SPF, DKIM und DMARC zu umgehen. Einmal kompromittiert, bleibt der Zugriff auf die betroffenen Konten oft länger als zwei Wochen bestehen.
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Ein weiterer Akteur auf diesem Markt ist der Dienst „Kali365“. Dieser konzentriert sich primär auf den Microsoft 365 Device Code Flow. Dadurch erlangen Angreifer persistenten Zugriff auf Nutzerkonten, ohne auf den klassischen Diebstahl von Passwörtern angewiesen zu sein. Die Kosten für ein Abonnement belaufen sich auf circa 250 US-Dollar pro Monat oder 2.000 US-Dollar pro Jahr. Sicherheitsanalysen identifizierten wöchentlich über 80 öffentliche Angriffssitzungen, die vornehmlich auf US-Unternehmen abzielen. Betroffen sind dabei verschiedene Sektoren, darunter die Fertigung, das Gesundheitswesen, die Technologiebranche sowie Regierungsstellen und Beratungsunternehmen. Bereits im Mai 2026 hatte das FBI offiziell vor den mit diesem Dienst verbundenen Gefahren gewarnt.
Ergänzend dazu verweist ein Bericht von Okta auf das Phishing-Kit „Work Panel“, das verstärkt auf Vishing-Taktiken (Voice Phishing) setzt. Hierbei geben sich Angreifer am Telefon als Mitarbeiter des Helpdesks aus. Sie nutzen legitime Push-Challenges aus, die das Opfer auf dem eigenen Endgerät bestätigen muss, um den Zugang für die Angreifer freizugeben.
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Um diesen Bedrohungen wirksam zu begegnen, raten Sicherheitsforscher zu einer grundlegenden Anpassung der Verteidigungsstrategien. Empfohlen wird der vorrangige Einsatz von Phishing-resistenten MFA-Verfahren, wie sie etwa FIDO2-Sicherheitsschlüssel bieten. Zudem sollten Unternehmen den Device Code Flow blockieren, sofern dieser geschäftlich nicht zwingend notwendig ist. Weitere technische Schutzmaßnahmen umfassen Conditional Access, die konsequente Überwachung von anomalen Login-Vorgängen sowie die Verkürzung der Dauer aktiver Sitzungen. Neben dem Einsatz von Advanced Threat Protection (ATP) und SIEM-Systemen bleibe die kontinuierliche Sensibilisierung der Mitarbeiter für moderne Phishing-Gefahren ein unverzichtbarer Baustein der unternehmensweiten Cybersicherheit.

