Project Panama: Anthropic zerstörte Millionen Bücher für KI-Training

Kanadische Firma kauft systematisch Antiquariatsbücher für mutmaßliches KI-Training. Branche kritisiert Vernichtung kulturellen Erbes und fordert rechtliche Klarheit.

Berliner Antiquariate berichten in den vergangenen Monaten über ungewöhnliche Massenbestellungen, die den Verdacht auf eine systematische Beschaffung von Trainingsdaten für Künstliche Intelligenz (KI) aufkommen lassen. Im Zeitraum von Mai bis Juni 2026 registrierten Händler in der Hauptstadt umfangreiche Aufkäufe durch die kanadische Firma Zoom Books. Branchenvertreter äußern wachsende Besorgnis über die Hintergründe dieser Transaktionen, da vermutet wird, dass die physischen Werke für Digitalisierungsprozesse zerlegt und anschließend entsorgt werden.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kritisierte die Vorgänge scharf und bezeichnete sie als einen beispiellosen Diebstahl geistigen Eigentums. Die rechtliche Bewertung derartiger Praktiken gilt jedoch als komplex und bislang nicht abschließend geklärt. Das betroffene Unternehmen Zoom Books bestritt unterdessen, die erworbenen Bücher zu digitalisieren, und berief sich gegenüber Medienvertretern auf Vertraulichkeitsvereinbarungen.

Internationale Ausmaße und methodisches Vorgehen

Die Berichte über die massenhaften Aufkäufe beschränken sich nicht auf Berlin. Auch der Münchner Antiquar Rolf Brehmer bestätigte, im Zeitraum von Mai bis Juni 2026 zahlreiche Bestellungen von Zoom Books über die Plattform AbeBooks erhalten zu haben. Brehmer gab an, die Verkäufe trotz seiner Vermutung, die Werke könnten für das Training von KI-Modellen genutzt werden, aus wirtschaftlichen Erwägungen getätigt zu haben. Einen Versand in die USA habe er aufgrund zollrechtlicher Hürden jedoch verweigert.

Ähnliche Muster zeigen sich im Ausland. In den Niederlanden erhielt der Antiquar Pieter de Vries eine Anfrage des Akteurs „2077AI“ über genau 3.001 spezifische ISBN-Nummern, die sich primär auf akademische Werke aus den Jahren 2020 und 2021 bezogen. Australische Buchhändler äußerten zudem die Befürchtung, dass auch seltene Exemplare preisunabhängig und nach dem Zufallsprinzip aufgekauft werden könnten, um sie für das Training von KI-Systemen zu zerstören.

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Hintergründe zu „Project Panama“ und Anthropic

Hintergrund der Sorgen sind Erkenntnisse über das sogenannte „Project Panama“. Interne Dokumente, die im Rahmen von Gerichtsverfahren an die Öffentlichkeit gelangten, belegen, dass das KI-Unternehmen Anthropic in großem Stil physische Bücher erwarb. Das Verfahren saw vor, die Buchrücken der Millionen angekauften Werke abzuschneiden, um die Seiten automatisiert zu scannen. Die Überreste wurden anschließend dem Recycling zugeführt. Anthropic investierte hierfür Beträge im zweistelligen Millionenbereich.

In einem internen Dokument hieß es laut Berichten ausdrücklich, man wolle nicht, dass dieses Vorgehen bekannt werde. Obwohl Anthropic aktuell bestreitet, Bücher direkt von Zoom Books zu beziehen oder gezielt seltene Werke zu vernichten, stufte das Rechercheportal Snopes die Behauptung, KI-Firmen zerstörten seltene Bücher, als weitgehend zutreffend ein. In diesem Zusammenhang wurde auch die Rolle von ISBNdb diskutiert. Während das Unternehmen eine Beteiligung an „Project Panama“ bestritt, berichten Branchenbeobachter, dass ISBNdb bis zu 1 Million Bücher geliefert habe. Nach öffentlicher Kritik stellte das Unternehmen entsprechende Angebote für KI-Trainingszwecke ein.

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Rechtliche Präzedenzfälle und kulturelle Kritik

Die juristische Aufarbeitung solcher Praktiken in den USA lieferte bereits erste Orientierungspunkte. Im Juni 2025 urteilte Richter William Alsup im Fall Bartz gegen Anthropic zugunsten des Unternehmens und wertete die Nutzung als „fair use“, da es sich um eine transformative Verwendung handle. Dennoch wurde Anthropic zur Zahlung eines Copyright-Vergleichs in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar verpflichtet – die bisher höchste Summe dieser Art in der Geschichte der USA. Dies entspricht etwa 3.000 US-Dollar pro Buch und steht im Zusammenhang mit dem illegalen Download von rund 7 Millionen Werken.

Kritiker betrachten die physische Zerstörung von Büchern für technologische Zwecke mit großer Skepsis und ziehen Vergleiche zu historischen Bücherverbrennungen. Es wird befürchtet, dass durch das „destruktive Scannen“ wertvolles kulturelles Erbe dauerhaft verloren gehen könnte, insbesondere wenn auch weniger gebräuchliche oder seltene Titel in die automatisierte Verarbeitung gelangen.