Gleich mehrere Produkteinführungen und Studien in dieser Woche zeigen: Künstliche Intelligenz wird zunehmend spezialisiert und auf sogenannte „fiduciary-grade“-Standards getrimmt – also auf das hohe Niveau, das Anwälte ihren Mandanten schulden.
Am 22. Juni öffnete Thomson Reuters den frühen Zugang zu seinem neuen CoCounsel Legal-Assistenten. Zeitgleich belegt eine Benchmarking-Studie von Percipient: Die Schere zwischen KI-Modellen für einfache Routineaufgaben und solchen für komplexe juristische Analysen wird immer größer.
Thomson Reuters setzt auf Claude und eigene Modelle
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Der überarbeitete CoCounsel Legal basiert auf dem Claude Agent SDK von Anthropic. Neu ist ein System aus sogenannten „Workspaces“ und organisatorischer Intelligenz. Das Tool soll nachweisbare Quellenangaben und nachvollziehbare Argumentationsketten liefern – ein entscheidender Faktor für die Haftungsfrage in Anwaltskanzleien.
Doch das ist nur der Anfang. Thomson-Reuters-CEO Steve Hasker bestätigte am 23. Juni, dass der Konzern ein eigenes Large Language Model (LLM) namens „Thomson“ entwickelt. Das Modell entstammt der Übernahme von Safe Sign Technologies und übertrifft auf spezifischen juristischen Aufgaben bereits allgemeine Modelle. Zudem wurde die Partnerschaft mit DeepJudge ausgebaut: Nutzer können jetzt per Klick interne Dokumente durchsuchen und die Ergebnisse direkt in CoCounsel-Chats einbinden.
Die breite kommerzielle Einführung in den USA ist für August 2026 geplant.
Globale Spezialisierung: Von Manila bis New York
Der Trend zur Lokalisierung juristischer KI zeigt sich auch in Asien. Am 23. Juni brachte Technese Legaltech Inc. mit Intellegal eine verifizierbare KI-Rechercheplattform speziell für philippinisches Recht auf den Markt. Das System analysiert Fallrecht und Gesetzeslage, liefert aber stets rückverfolgbare Quellen. „Die endgültige professionelle Entscheidung bleibt beim Anwalt“, betont die Firmenführung.
In den USA startete U.S. Legal Services am selben Tag Legal AI – ein Assistent, der auf einzelne Bundesstaaten und individuelle Versicherungspolicen zugeschnitten ist. Ebenfalls am 23. Juni präsentierte Centari neue Funktionen: „Amendment Awareness“ verfolgt, wie sich Dokumentinhalte über die Zeit verändern, während „Deal Maps“ Beziehungen zwischen komplexen Vertragsdokumenten visualisiert.
Benchmarking zeigt: Komplexe Fälle bleiben schwierig
Die Studie von Percipient vom 22. Juni untersuchte 16 KI-Modelle. Das Ergebnis: Bei Routineaufgaben wie der Dokumentenprüfung liegen neun von zehn Modellen innerhalb von acht Punkten – die Leistung ist also vergleichbar. Ganz anders sieht es bei komplexen Rechtsfragen aus.
Bei Aufgaben zur Versicherungsdeckung und komplexen Argumentationsketten klafft eine Lücke von bis zu 37 Punkten zwischen Spitzenreitern und Konkurrenz. Die Claude-Opus-Varianten 4.6 und 4.7 von Anthropic führen in mehreren Kategorien. Doch selbst die Besten kämpfen: Im spezifischen Arbeitsrecht erreichte das Top-Modell gerade einmal 61,5 Punkte.
Milliardenrisiko durch ungenutztes KI-Potenzial
Der „Future of Professionals“-Bericht von Thomson Reuters, basierend auf einer Umfrage unter 1.816 Fachleuten aus dem Frühjahr 2026, zeigt ein Paradox: 74 Prozent der Befragten nutzen KI mehrmals pro Woche, doch 91 Prozent sagen, ihre Organisation habe den vollen Wert der Technologie noch nicht ausgeschöpft.
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Die Warnung ist deutlich: Kanzleien, die die Erwartungen ihrer Mandanten an KI-gestützte Qualität nicht erfüllen, riskieren massive finanzielle Einbußen. Rund 32 Prozent der Mandanten überdenken ihre Geschäftsbeziehungen – das gefährdet weltweit geschätzte 143 Milliarden Euro Umsatz.
Besonders brisant: 34 Prozent der Fachleute geben zu, nicht autorisierte „Shadow AI“-Tools zu nutzen. Das wirft erhebliche Fragen zur Datensicherheit und zur professionellen Urteilsfähigkeit auf.
Bereits am 19. Juni hatte Luminance mit Luna Crescent ein eigenes proprietäres LLM vorgestellt, das auf einer kuratierten juristischen Datenbank trainiert wurde. Es soll Halluzinationen bei der Vertragsarbeit minimieren und übertrifft allgemeine Modelle laut Unternehmensangaben um fünf Prozent in spezialisierten Benchmarks.

