Der Finanzdienstleister Remitly baut sein digitales Ökosystem aus: Kunden in Großbritannien, Kanada und Spanien können jetzt über WhatsApp Geld senden. Gleichzeitig dürfen Empfänger in Mexiko erstmals selbst Überweisungen anfordern.
WhatsApp-Integration: Empfänger übernehmen die Initiative
Das Herzstück der Neuerung ist eine Partnerschaft mit der mexikanischen Bank Elektra. Empfänger mit einem Konto dort können künftig selbst eine Überweisung anstoßen – und das direkt in WhatsApp. Sie generieren einen sicheren Zahlungslink und teilen ihn mit dem Absender. Der muss dann weder die Remitly-App herunterladen noch durch komplizierte Menüs navigieren. Ein Klick auf den Link genügt, die Transaktion läuft über den mobilen Browser ab.
Branchenbeobachter sehen darin einen cleveren Schachzug. Bislang mussten Angehörige im Ausland oft mühsam daran erinnert werden, Geld zu schicken. Die neue Funktion gibt den Empfängern die Kontrolle – und beseitigt einen jahrelangen Reibungspunkt.
Ankur Sinha, Chief Product and Technology Officer bei Remitly, betont: „Viele unserer Kunden nutzen WhatsApp ohnehin täglich. Indem wir Finanzdienstleistungen in diese Gewohnheit einbetten, machen wir Geldtransfers so einfach wie das Verschicken einer Nachricht.“ Besonders im Fokus: Menschen, die bislang Bargelddienste nutzten, sollen so den Schritt ins Digitale wagen.
Drei neue Sendeländer erweitern das Netzwerk
Neben der Anfragefunktion hat Remitly seine WhatsApp-Überweisungen auf drei neue Märkte ausgeweitet. Absender in Großbritannien, Kanada und Spanien können nun in 14 Empfangsländer transferieren – darunter die wichtigen Korridore Indien, Philippinen und Mexiko.
Die Expansion folgt auf eine Phase rasanten Wachstums. Interne Daten aus dem ersten Quartal 2026 zeigen: Die Zahl der WhatsApp-Sendevorgänge stieg im Vergleich zum Vorquartal um über 62 Prozent. Nutzer prüfen dort nicht nur Wechselkurse, sondern klären auch Kundenanfragen in Echtzeit.
Erst vor einer Woche, am 16. April, hatte Remitly als erster grenzüberschreitender Zahlungsdienst eine eigene App in ChatGPT gestartet. Die Kombination aus KI-gestützten Schnittstellen und Messaging-Diensten zeigt: Remitly entwickelt sich vom reinen Überweisungstool zu einem breiten Finanzdienstleistungs-Ökosystem.
Steuerpolitik treibt Digitalisierung voran
Der Zeitpunkt der Expansion ist kein Zufall. Seit dem 1. Januar 2026 erheben die USA eine Bundessteuer von einem Prozent auf Barüberweisungen. Das hat viele Einwanderer und Saisonarbeiter dazu bewegt, von physischen Auszahlstellen auf digitale Bankeinlagen und Mobile Wallets umzusteigen.
Branchenberichte bestätigen den Trend: Das vergangene Jahr war eines der stärksten für Überweisungen nach Lateinamerika seit zwei Jahrzehnten. Rund die Hälfte aller grenzüberschreitenden Transaktionen in der Region läuft inzwischen digital.
Remitly profitiert massiv. Im Februar 2026 meldete das Unternehmen das erste volle Jahr mit GAAP-Gewinn. Der Umsatz stieg 2025 um 29 Prozent, das bereinigte EBITDA erreichte mehrere hundert Millionen Dollar. Mit Sebastian J. Gunningham hat zudem ein neuer CEO das Ruder übernommen, der den technologischen Ausbau vorantreiben soll.
Conversational Finance: Die Zukunft des Geldtransfers
Die Integration in WhatsApp und ChatGPT zeigt, wohin die Reise geht: Finanzdienstleistungen verschmelzen mit dem Alltag der Nutzer. Für Millionen Familien, die grenzüberschreitend leben, wird der Geldtransfer zur Nebensache – erledigt im selben Chat, in dem sie ohnehin kommunizieren.
Remitlys Fokus auf Lateinamerika ist strategisch klug. In Mexiko, Kolumbien oder Guatemala ist WhatsApp omnipräsent. Die Partnerschaft mit Elektra sichert zudem die „letzte Meile“: Die digitale Anfrage wird zur verlässlichen Auszahlung.
Mit Kampagnen wie „Skip the Line“ und einem Community-Botschafter-Programm versucht Remitly, traditionelle Bargeldnutzer von den Kosten- und Zeitvorteilen digitaler Überweisungen zu überzeugen.
Ausblick: Expansion in neue Märkte geplant
Die Branche bleibt in Bewegung. Analysten erwarten, dass der Margendruck auf klassische Schalterdienste weiter zunimmt. Remitly hat bereits Expansionen nach Japan, Saudi-Arabien und Brasilien ins Auge gefasst – vorbehaltlich der behördlichen Genehmigungen.
Spannung verspricht der 6. Mai 2026: Dann legt Remitly die Quartalszahlen für das erste Quartal vor. Besonders interessant: die Akzeptanz der neuen Anfragefunktion und die Auswirkungen der US-Barüberweisungssteuer auf die Kundenakquise.
Mit einem Netzwerk in über 175 Ländern ist Remitly auf dem besten Weg, vom Nischenanbieter zum breiten Plattform für grenzüberschreitende Finanzdienstleistungen zu werden. Die WhatsApp-Integration könnte dabei zur Blaupause für die gesamte Branche werden.





