Autonome Lieferroboter zweier Unternehmen haben in Chicago innerhalb weniger Tage Bushaltestellen zertrümmert. Die Vorfälle heizen die Debatte über die Sicherheit der Pilotprojekte neu an.
Die Straßen Chicagos wurden diese Woche zum Schauplatz zweier bemerkenswerter Vorfälle. Autonome Lieferroboter von zwei verschiedenen Firmen kollidierten unabhängig voneinander mit Bushaltestellen, zerschlugen die Scheiben und zogen erneute Kritik auf das wachsende Roboterzustell-Programm der Stadt. Die Zusammenstöße am vergangenen Sonntag und Dienstag verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien und entfachten eine öffentliche Diskussion über die Sicherheit dieser Roboter und ihre Integration in den städtischen Raum.
Doppelschlag innerhalb von 48 Stunden
Der erste Vorfall mit einem Roboter des Anbieters Serve Robotics ereignete sich am Sonntag, dem 22. März 2026, an einer Bushaltestelle der Chicago Transit Authority (CTA) an der Ecke Grand und Racine im Viertel West Town. Auf viral gegangenen Videos ist zu sehen, wie der kleine, sechsrädrige Roboter durch eine Glasscheibe der Haltestelle kracht und Scherben auf den Gehweg schleudert.
Nur zwei Tage später, am Dienstag, dem 24. März, kollidierte ein Roboter des Konkurrenten Coco Robotics mit einer weiteren Haltestelle in der Nähe der North Avenue und Halsted Street im Stadtteil Old Town. Auch hier blieb eine Spur von Glassplittern zurück. Obwohl bei beiden Vorfällen niemand verletzt wurde, werfen die zeitnahen Zwischenfälle drängende Fragen zur Wirksamkeit und zu den Risiken des Chicagoer Pilotprogramms auf.
Serve Robotics: „Nasir“ wird zum Netzphänomen
Der Zusammenstoß in West Town entwickelte sich schnell zum Gesprächsthema in den sozialen Netzwerken. Bayard Elfvin, CEO des in der Nähe ansässigen Bauunternehmens Centre Construction Group, zeigte sich überrascht, wie leicht das Glas beim Aufprall zerbrach. Er beobachtete auch das enorme öffentliche Echo. Der verunglückte Roboter mit dem Namen „Nasir“ war Teil eines Programms, das seit der städtischen Genehmigung 2022 hunderte autonome Fahrzeuge auf Chicagos Gehwegen rollen lässt.
Serve Robotics bestätigte den Vorfall. Das lokale Team habe umgehend die Säuberung eingeleitet und eine Untersuchung zur Ursache gestartet. Das Unternehmen betonte die Seltenheit solcher Vorkommnisse. Seine Roboter hätten seit 2025 hunderttausende Lieferungen ohne einen einzigen schwerwiegenden Zwischenfall absolviert. Die Kosten für die bereits reparierte Glasscheibe übernehme Serve. Diese Schadensregulierung beruhigt jedoch nicht die grundsätzlichen Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Sicherheit.
Coco Robotics: Zweiter Vorfall verschärft die Lage
Der Zusammenstoß am Dienstagnachmittag verschärfte die Situation erheblich. Eine Zuschauerin von CBS News Chicago sichtete den Roboter kurz vor 16 Uhr. Carl Hansen, Vizepräsident für Regierungsbeziehungen bei Coco Robotics, nannte den Vorfall „absolut untypisch für unseren Betrieb“. Es sei der erste derartige Zusammenstoß mit einer Struktur dieser Art in über 1,6 Millionen Kilometern (eine Million Meilen) zurückgelegter Strecke.
Coco betonte, Sicherheit habe oberste Priorität. Die Roboter bewegen sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 8 km/h (5 mph). Das Unternehmen kündigte eine interne Untersuchung an und übernimmt ebenfalls die Reparaturkosten.
Pilotprogramm steht auf dem Prüfstand
Die Vorfälle treffen das Chicagoer Pilotprogramm zu einem kritischen Zeitpunkt. Es läuft noch bis Mai 2027. Kritiker, die seit Langem vor Risiken für Fußgänger, Barrierefreiheit und dem Verlust von Arbeitsplätzen warnen, sehen sich bestätigt. Eine Petition zur Beendigung des Programms hat bereits über 3.700 Unterschriften gesammelt.
Die politische Reaktion fällt deutlich aus. Stadtrat Walter Burnett (27. Bezirk) machte klar, dass die Fortführung des Programms maßgeblich von der nachgewiesenen Sicherheit der Roboter abhänge. Sein Büro stehe im Austausch mit den Firmen. Stadtrat Daniel La Spata (1. Bezirk) erklärte, das Programm werde in seinem Bezirk nicht ausgeweitet. Eine Befragung der Anwohner habe mehrheitliche Ablehnung ergeben.
Die große Frage: Gehören Roboter auf den Bürgersteig?
Die doppelten Vorfälle sind eine deutliche Warnung vor den Herausforderungen autonomer Technologien in komplexen urbanen Räumen. Die Unternehmen verweisen auf ihre umfangreichen sicheren Betriebsrekorde und schnellen Reaktionen. Doch das Bild der zerstörten öffentlichen Infrastruktur bleibt bei den Bürgern haften.
Die Debatte geht über Einzelunfälle hinaus. Sie stellt die grundsätzliche Frage: Sind Bürgersteige, traditionell dem Fußgängerverkehr vorbehalten, der richtige Ort für eine Flotte eigenständig fahrender Roboter? Die Stadt Chicago dürfte unter Druck geraten, die Regulierung zu verschärfen, den Programmumfang anzupassen oder die langfristige Tragfähigkeit neu zu bewerten.
Die Untersuchungen der beiden Unternehmen werden entscheidend sein, um technische Fehler oder operative Lücken zu identifizieren. Ihre Ergebnisse, zusammen mit der öffentlichen Meinung und der politischen Bewertung, werden die Zukunft der autonomen Zustellung in Chicago prägen – und möglicherweise als Präzedenzfall für andere Metropolen dienen, die mit ähnlichen Technologien ringen.





