Künstliche Intelligenz treibt den Wandel hin zu autonomen Systemen voran – und fordert etablierte Marktführer wie SAP heraus.
SAP setzt auf die „Autonomous Suite“
Auf der Sapphire 2026 in Orlando hat SAP eine strategische Kehrtwende vollzogen. Statt statischer Dashboards setzt der Walldorfer Konzern künftig auf eine „Autonomous Suite“. Chief Product Officer Manoj Swaminathan erklärte das Ende der manuellen Datenüberwachung. Ziel seien proaktive KI-Assistenten, die traditionelle Oberflächen ersetzen.
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Mehr als 200 spezialisierte KI-Agenten hat SAP bereits in seine Kernsoftware integriert. Sie decken Bereiche wie Finanzen, Beschaffung, Lieferkette und Personal ab. Insgesamt, so SAP-Manager Muhammad Alam, umfasst die Suite 224 Agenten und 51 „Joule“-Assistenten. Mit „Joule Studio“ können Kunden die Agenten anpassen, „Company Memory“ verwaltet das institutionelle Wissen.
Die Marktforscher von Gartner prognostizieren: Bis Ende 2026 werden 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen über aufgabenspezifische KI-Agenten verfügen. Zum Vergleich: 2025 lag dieser Wert bei unter fünf Prozent.
Milliardenschwere Angriffe auf NetSuite
Der Markt für Mittelstands-ERP-Systeme gerät unter Druck. Eine Welle von KI-gestützten Startups greift die Vormachtstellung von NetSuite an, das 34 Prozent Marktanteil hält. Innerhalb von nur zwölf Monaten haben Risikokapitalgeber wie Lightspeed, Khosla Ventures, Accel und Andreessen Horowitz über 313 Millionen Euro in Herausforderer investiert.
Im August 2025 sicherte sich Rillet 108,5 Millionen Euro für vertikale SaaS-Lösungen. DualEntry und Campfire sammelten im Oktober 2025 jeweils über 100 Millionen Euro ein. Diese Newcomer setzen auf KI-gesteuerte Migrations-Tools, die Kosten und Dauer eines Systemwechsels angeblich halbieren. Campfire arbeitet mit einem „Large Action Model“ (LAM), das eine Genauigkeit von über 95 Prozent erreichen soll. DualEntry wirbt mit einer Implementierungszeit von nur 24 Stunden.
Ein weiterer Paukenschlag: Das Londoner Startup Conduct gab gestern bekannt, in einer Series-A-Runde 51 Millionen Euro eingesammelt zu haben. Co-Anführer der Runde waren Index Ventures und ICONIQ. Auch SAP beteiligte sich als strategischer Investor und ernannte Conduct zum KI-Partner für SAP Cloud ERP. Die Plattform von Conduct soll die Logik hochgradig individualisierter Altsysteme von Oracle oder Salesforce für KI-Modelle verständlich und ausführbar machen.
Spezialisierte Agenten für konkrete Aufgaben
Auch spezialisierte Anbieter bringen agentenbasierte Lösungen auf den Markt:
- Treasury und Finanzen: Zone & Co hat am Dienstag „ZoneLiquidity“ vorgestellt. Das System nutzt einen Foundation-Model-Ansatz für Zeitreihenprognosen und Szenario-Planungen im Treasury.
- Beschaffung: Ivalua launchte am Mittwoch seinen KI-Agenten „IVA“. Er steuert den gesamten Source-to-Pay-Prozess per natürlicher Sprache. Die vollständige Veröffentlichung ist für den Sommer 2026 geplant.
- Vertragsmanagement: Digicode präsentierte am Mittwoch ein ERP-unabhängiges Multi-Agenten-System, das den „Source-to-Contract“-Zyklus automatisiert. Das Unternehmen verspricht eine Verkürzung der Beschaffungszyklen von 90 auf unter 30 Tage.
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Levi Strauss als Vorreiter – und warnende Stimmen
Großunternehmen berichten bereits von messbaren Erfolgen. Levi Strauss & Co. hat neun ERP-Systeme auf einer einzigen Microsoft-Azure-Plattform konsolidiert. Die Latenz verbesserte sich um das Doppelte, die maximale Eingabe-/Ausgabe-Leistung (IOPS) stieg um 60 Prozent. Die Migration war nach sechs Monaten abgeschlossen – drei Monate schneller als geplant. Der Jeans-Hersteller setzt mittlerweile über 1.000 KI-Agenten im Rahmen seiner siebenjährigen digitalen Transformation ein.
Doch nicht alle Experten sind euphorisch. Chris Lloyd, CTO von Syspro, warnte gestern vor Sicherheitslücken in KI-generiertem Code. Ein erheblicher Teil davon könne Schwachstellen enthalten. In regulierten Branchen wie der Fertigung brauche es ein robustes Betriebsmodell, nicht nur einfache Prompt-Funktionen. Zudem bleiben technische Hürden: Für mittelständische Produzenten verhindert eine Datenlatenz von mehr als 30 Minuten zwischen der Fertigungsebene und dem ERP-System den effektiven Einsatz von KI-Zwillingen.

