In der Nacht haben ukrainische Drohnen das im Bau und Ausbau befindliche Großrechenzentrum der russischen Sberbank in Balakowo in der Region Saratow sowie ein nahegelegenes Transportterminal getroffen.
Nach Berichten von Medien wie dem National Security Journal und Meduza handelt es sich um den ersten direkten Angriff auf ein Rechenzentrum des staatlich dominierten russischen Finanzkonzerns. Satellitendaten des Systems NASA-FIRMS wiesen zeitgleich auf Brände in der dortigen Industriezone hin.
Der Vizechef der Sberbank, Alexander Vedyakhin, bestätigte den Angriff unter Berufung auf die Nachrichtenagentur TASS. Seinen Angaben zufolge liefen die Systeme des Instituts ohne Störungen weiter, zudem habe es keine Verletzten gegeben. Parallel dazu meldeten Nutzer jedoch Funktionseinschränkungen bei bankeigenen Anwendungen sowie bei den konzerneigenen Diensten GigaChat und Samokat.
Nach Angaben des Gouverneurs der Region Saratow, Roman Busargin, kam infolge der Angriffe in der Region eine Frau ums Leben; mehrere Wohngebäude seien beschädigt worden, während die allgemeine Infrastruktur regulär weiterlaufe. Am Kernkraftwerk Balakowo sowie am Saratow-Wasserkraftwerk wurden laut Berichten keine Schäden verzeichnet.
Verwundbarkeit zentraler IT-Infrastruktur
Der Standort Balakowo gilt als eines der wichtigsten digitalen Prestigeprojekte Russlands. Laut Angaben der Plattform Militarnyi beläuft sich das gesamte Projektvolumen auf 122,2 Milliarden Rubel, was mehr als einer Milliarde US-Dollar entspricht.
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Nach dem Baubeginn im Jahr 2021 wurde der Komplex auf fast 60.000 Quadratmeter – davon 55.000 Quadratmeter in Bauphasen bis 2030 – sowie rund 3.000 Server-Racks für bis zu 120.000 Server ausgelegt. Bei Vollausbau soll die Anlage über eine elektrische Leistung von mehr als 80 Megawatt verfügen und mit Strom aus dem benachbarten Kernkraftwerk Balakowo versorgt werden.
Regionale Behörden bezeichneten die Anlage als künftig größtes Rechenzentrum Europas. Staatsmedien kündigten zudem an, dass der Standort ab 2027 den leistungsstärksten Supercomputer Russlands beherbergen soll; ein Sberbank-Supercomputer ist dort bereits angesiedelt.
Expertenberichten zufolge birgt die Bauweise des Komplexes erhebliche Risiken: Die Leichtmetallkonstruktionen ohne massive Stahlbetonhülle bieten geringen Schutz gegen Drohnen mit Sprengköpfen von mehreren Dutzend Kilogramm.
Zudem konzentrieren sich moderne Flugabwehrsysteme wie Tor und Pantsir vor allem auf den Raum Moskau, während passive Schutzvorkehrungen wie Metallnetze oder nachträglich errichtete Betonsarkophage an diesen Standorten bislang weitgehend ungetestet blieben.
Systematische Angriffe auf Serverkapazitäten
Der Vorfall in Balakowo markiert bereits den vierten Angriff auf ein bedeutendes russisches Datenzentrum innerhalb einer Woche. Bei vorherigen ukrainischen Schlägen zwischen dem 7. und 11. Oktober 2026 wurden drei der sechs größten Rechenzentren des Technologiekonzerns Yandex getroffen.
Betroffen waren Anlagen in Sasowo in der Region Rjasan – wo zwei von drei Yandex-Supercomputern für das Training von Künstlicher Intelligenz wie YandexGPT stehen und der Betrieb nach einem Brand vollständig eingestellt werden musste –, in Wladimir sowie in Kaluga.
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Yandex erklärte am 11. Oktober 2026, man könne derzeit nicht feststellen, ob die betroffene Ausrüstung wiederherstellbar sei. An der Moskauer Börse gab die Yandex-Aktie am 9. Oktober 2026 um mehr als 4 Prozent nach, während betroffene Cloud-Kunden zu Wettbewerbern wie Selectel, K2Cloud und VK Cloud ausweichen.
Die Ausfälle treffen Russlands Technologiesektor in einer schwierigen Phase. Sberbank-Chef German Gref erklärte am 29. September, die Beschaffung moderner Grafikprozessoren sei die größte Hürde für das Institut, dessen Rückstand auf die USA und China bei bis zu neun Monaten liege. Branchenbeobachter weisen darauf hin, dass Ersatzhardware unter den aktuellen Sanktionen nur über kostspielige Umwege beschafft werden kann.
Die Angriffe reihen sich in gegenseitige Schläge gegen die digitale Infrastruktur ein: Seit Ende September 2026 beschädigte das russische Militär Rechenzentren von mindestens acht ukrainischen Unternehmen, was das Verteidigungsministerium in Moskau als gezielten digitalen Entzug für den Gegner darstellte.
Die Ukraine reagiert unter anderem mit einer dezentralen Verlegung eigener Kapazitäten, darunter der Produktion von Fire-Point-Drohnen auf mehr als 20 getarnte Standorte. Am 12. Oktober 2026 äußerte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu den Schlägen und behauptete, auf Online-Plattformen sei ein messbarer Rückgang von organisierter Desinformation und Spaltung spürbar geworden.

