Schlaf-Scores: Experten warnen vor Orthosomnie und Angststörungen

Experten warnen vor Orthosomnie durch digitale Schlafwerte und bezweifeln die Genauigkeit von Wearables bei der Erfassung von Schlafphasen.

In der Gesundheits- und Technologiebranche mehren sich die Warnungen vor den negativen Auswirkungen einer übermäßigen Fixierung auf digitale Schlafdaten. Experten, darunter Dr. Alanna Hare vom Royal Brompton Hospital in London, weisen darauf hin, dass die von Wearables generierten Schlaf-Scores zu sogenannten orthosomnischen Symptomen und einer gesteigerten Angst führen können.

Hare bezeichnete das Konzept der Schlaf-Punkte laut Berichten vom September 2026 als eine Erfindung der Hersteller. In der klinischen Schlafwissenschaft existiere kein derartiges Modell einer punktbasierten Bewertung der Nachtruhe.

Orthosomnie als Folge digitaler Überwachung

Der Fachbegriff für dieses Phänomen lautet Orthosomnie. Er beschreibt den Drang, Schlafergebnisse zu optimieren, was paradoxerweise zu Stress und Schlafstörungen führen kann. In Fachkreisen wird diese Entwicklung auch als „Sleepmaxxing“-Trend bezeichnet.

Obwohl der Begriff Orthosomnie bereits aus einer Studie der Fachzeitschrift Journal of Clinical Sleep Medicine aus dem Jahr 2017 stammt, handelt es sich bisher um keine offiziell anerkannte Krankheit oder klinische Diagnose in Großbritannien.

Die betroffenen Nutzer orientieren sich oft eng an den Skalen der Gerätehersteller, die Schlafqualitäten meist auf einer Skala von 0 bis 100 bewerten. Während der Anbieter Oura beispielsweise Werte zwischen 70 und 84 als „gut“ einstuft, bewertet Apple einen Bereich von 61 bis 80 als „okay“.

Berichte verdeutlichen jedoch die Abhängigkeit von diesen Systemen: Ein Ausfall von Tracking-Apps im Jahr 2019 zeigte bereits deutlich, wie sehr Nutzer ihr Wohlbefinden von der digitalen Rückmeldung abhängig machen.

Wissenschaftliche Zweifel an der Messgenauigkeit

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Die technische Grundlage vieler Wearables steht unter Kritik. Die Geräte nutzen Sensoren für Photoplethysmographie (PPG), Hauttemperatur und Beschleunigung, um Schlafphasen zu berechnen. Experten wie Robbins von der Harvard-Universität und dem Brigham and Women’s Hospital verwiesen in diesem Zusammenhang auf erhebliche Ungenauigkeiten.

So weisen etwa die Angaben zum Kalorienverbrauch bei solchen Geräten oft Abweichungen von 20 bis 30 % auf. Auch beim Tracking von Schlafphasen wird die Präzision einer medizinischen Polysomnographie nicht erreicht.

Ein konkretes Beispiel für technische Fehlleistungen lieferte jüngst die Samsung Galaxy Watch Ultra 2, die in einem Fall eine Schlafdauer von lediglich 5 Stunden und einen Score von 38 anzeigte, obwohl die tatsächliche Schlafzeit bei etwa 8 Stunden lag. Im August wurde zudem eine Klage gegen den Hersteller des Oura-Rings bekannt. In der Klageschrift werden die KI-basierten Schätzungen des Geräts mit der Zuverlässigkeit eines Münzwurfs verglichen.

Psychologische Auswirkungen fiktiver Daten

Dass allein die Anzeige eines schlechten Wertes die körperliche Verfassung beeinflussen kann, belegte eine Studie der Oxford-Universität aus dem Jahr 2018. Teilnehmern wurden dabei fiktive, niedrige Schlaf-Scores zugewiesen.

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In der Folge fühlten sich diese Probanden tatsächlich müder und gaben an, geistig weniger wach zu sein. Aktuelle Expertenmeinungen bestätigen, dass der durch schlechte Scores ausgelöste Stress die Qualität der darauffolgenden Nacht zusätzlich verschlechtern kann.

Trotz der technologischen Entwicklung – das erste kommerzielle Fitnessgerät mit Schlaftracking kam bereits 2009 mit der Fitbit Classic auf den Markt – raten Fachleute zu einem distanzierten Umgang mit den Daten. Statt sich auf tägliche Scorecards zu fixieren, sollten Nutzer eher Wochen- und Monatstrends beobachten.

Die Empfehlung lautet weiterhin, eine Schlafdauer von 7 bis 9 Stunden anzustreben und Wearable-Daten lediglich als langfristige Trendlinien zu betrachten, anstatt kurzfristige Tageswerte als absolute Wahrheit zu akzeptieren.