Die großen Softwarekonzerne ziehen die Notbremse bei Experimenten mit Künstlicher Intelligenz. Statt weiter an Pilotprojekten zu tüfteln, setzen sie nun auf autonome Agenten, die komplexe Geschäftsprozesse eigenständig lösen. Der Wandel zeigt sich in den jüngsten Quartalszahlen und Produkteinführungen.
ServiceNow: KI-Geschäft überspringt die Milliarden-Marke
ServiceNow hat seine Zahlen für das zweite Quartal 2026 vorgelegt – und die sprechen eine klare Sprache. Die Subskriptionseinnahmen kletterten auf 3,8 Milliarden Euro, ein Plus von 23 Prozent im Jahresvergleich. Haupttreiber: die rasche Einführung generativer KI-Tools. Der jährliche Vertragswert (ACV) für KI-Produkte hat bereits die Milliarden-Marke geknackt und soll bis Jahresende 1,5 Milliarden Euro erreichen.
Besonders beeindruckend: Eine große Fluggesellschaft setzt mittlerweile die Sprach-KI von ServiceNow ein, um fünf Millionen Anrufe pro Jahr zu bewältigen. Die spezialisierte KI für Service-Desks erledigt zwischen 80 und 85 Prozent aller Anfragen komplett ohne menschliches Zutun. Das CRM-Geschäft des Unternehmens hat die Zwei-Milliarden-Euro-Marke überschritten, und der KI-Kontrollturm bedient bereits über 500 Kunden.
Die Preise für KI-spezifische Produkte liegen typischerweise 20 bis 30 Prozent über den Standardangeboten. Bemerkenswert: Die Hälfte aller Neugeschäfte nutzt inzwischen abrechnungsmodelle, die nicht mehr auf Sitzplätzen basieren.
OpenAI betritt mit Presence den Agenten-Markt
OpenAI hat mit Presence eine eigene Enterprise-Plattform gestartet, die weit über die bisherigen Basismodelle hinausgeht. Unternehmen können damit Sprach- und Chat-KI-Agenten direkt an ihre internen Systeme, Daten und Arbeitsabläufe anbinden. Die Plattform automatisiert Prozesse im Kundenservice, Vertrieb, Rechnungswesen und IT-Support.
In der Testphase lösten die Presence-Agenten rund 75 Prozent aller eingehenden Anfragen eigenständig. Ein integriertes Tool namens Codex reduzierte die menschlichen Übergaben während eines zehntägigen Tests um 15 Prozentpunkte. Zu den ersten Testern gehören BBVA, SoftBank und IAG. Presence wird derzeit nur fallweise über OpenAI-Ingenieure und autorisierte Integratoren bereitgestellt – ein allgemeiner Verfügbarkeitstermin steht noch aus.
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Wettlauf der Cloud-Giganten: Vier Plattformen in einem Monat
Der Markt für KI-Agenten ist innerhalb weniger Wochen explosionsartig gewachsen. Allein im letzten Monat wurden vier große Plattformen vorgestellt: OpenAI Presence, Metas Business Agent Platform, Googles Gemini Enterprise und Project Arc – eine gemeinsame Initiative von NVIDIA und ServiceNow.
Jeder Anbieter setzt auf andere Stärken. Googles Gemini-Agenten lösen bereits 75 Prozent der Support-Anfragen für Google Ads. Salesforce wurde im aktuellen Gartner Magic Quadrant für Conversational AI-Plattformen als Marktführer ausgezeichnet. Dessen Agentforce-Plattform arbeitet mit einem Pay-per-Resolution-Modell und wird unter anderem von Zing Health und Adecco UK & Ireland genutzt.
Branchenbeobachter rechnen mit einem rasanten Wachstum: Mitte 2025 hatten weniger als fünf Prozent der Unternehmen produktive KI-Agenten im Einsatz. Die aktuelle Welle von Plattformstarts zeigt jedoch, dass Governance, Prüfbarkeit und Schutzmechanismen inzwischen zum Standard gehören.
Mit dem rasanten Einzug autonomer Systeme steigen auch die Anforderungen an die rechtliche Absicherung und die Dokumentation von Hochrisiko-Systemen. Erfahren Sie in diesem Experten-Report, welche konkreten Schritte Unternehmen jetzt unternehmen müssen, um die EU-KI-Verordnung rechtssicher zu erfüllen. Kostenlosen Umsetzungsleitfaden zum EU AI Act sichern
Unternehmen bauen eigene KI-Infrastrukturen
Immer mehr Firmen entwickeln eigene Systeme, um KI-Agenten im großen Stil zu managen. Die Deutsche Telekom hat ein eigenes Language Model Operating System (LMOS) aufgebaut – eine souveräne Plattform, die den Frag Magenta OneBOT-Assistenten in ganz Europa antreibt. Die Entwicklungszeit für neue KI-Agenten wurde auf weniger als einen Tag verkürzt. Allerdings müssen rund 30 Prozent der Interaktionen noch an menschliche Mitarbeiter übergeben werden.
Auch Experian setzt auf die ServiceNow-KI-Plattform und hat sie unternehmensweit ausgerollt. Die Integration verbindet die Experian Ascend Platform mit ServiceNow-Workflows, um Prozesse wie Mitarbeiter-Onboarding, Risikomanagement und Modell-Governance zu automatisieren.
Die steigende Nachfrage nach KI-Workloads treibt den Bedarf an sogenannten „KI-Fabriken“ – integrierte Infrastrukturumgebungen mit spezialisierten Beschleunigern, Hochgeschwindigkeitsnetzwerken und Rack-skalierbaren GPU-Lösungen. Diese Systeme müssen die wachsenden Anforderungen an Stromversorgung und Kühlung bewältigen, die mit großflächigen KI-Installationen einhergehen.

