Smartglasses-Betrug: 44,3% aller Prüfungsverstöße sind Geräte-bezogen

Weltweit steigen Betrugsfälle mit KI-Hilfsmitteln in Schulen und Unternehmen. Australien, Asien und Europa reagieren mit neuen Sicherheitskonzepten.

Smartglasses, Sprachassistenten und versteckte Ohrhörer: Immer mehr Schüler und Studenten setzen auf High-Tech-Methoden, um Prüfungen zu täuschen. Von Australien bis Südkorea müssen Aufsichtsbehörden und Bildungseinrichtungen ihre Sicherheitskonzepte radikal überdenken.

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Massenbetrug in Melbourne: Jeder vierte Schüler überführt

Am Mazenod College in Melbourne flog einer der größten KI-Betrugsfälle auf. Die Schulleitung bestätigte, dass fast ein Viertel der Zwölftklässler beim mündlichen Englisch-Examen künstliche Intelligenz eingesetzt hatte. Mindestens 50 Schüler ließen sich ihre Reden von KI-Tools verfassen – und das ausgerechnet bei einer Prüfung, die maßgeblich in die Abschlussnote des Victorian Certificate of Education (VCE) einfließt.

Schulleiter Paul Shannon zog die Konsequenzen: Die betroffenen Schüler erhielten Punktabzüge. „KI hat in formellen Prüfungen nichts zu suchen“, stellte er klar. Die zuständige Prüfungsbehörde VCAA stuft den Einsatz solcher Technologien als Verstoß gegen die akademische Integrität ein.

Smartglasses auf dem Vormarsch: Asien schlägt Alarm

Besonders brisant ist die Lage in Asien. In Hanoi entdeckte eine Aufsichtsperson während der Aufnahmeprüfung für die zehnte Klasse einen Schüler, der nur 15 Minuten nach Prüfungsbeginn mit dem Smartphone Fragen fotografierte. Über Google Lens und Gemini ließ er sich die Antworten generieren. Die Polizei warnte umgehend vor den Risiken für die bevorstehende Abiturprüfung mit rund 1,2 Millionen Kandidaten. Die Behörden stellten klar: Prüfungsfragen gelten als Staatsgeheimnis – Verstöße können strafrechtlich verfolgt werden.

In Südkorea erwischte das TOEIC-Komitee von YBM Korea zwei Prüflinge mit KI-fähigen Smartglasses. Die Geräte zeigten in den Gläsern Echtzeit-Übersetzungen und Lösungen an. „Diese Geräte werden immer schwerer zu erkennen“, räumte ein Sprecher ein. Den Betrügern droht die Annullierung ihrer Ergebnisse und ein fünfjähriges Prüfungsverbot.

Die Hong Kong University of Science and Technology (HKUST) führte eigene Tests durch: Brillenträger erzielten im Schnitt 92,5 Punkte – der Gesamtdurchschnitt lag bei mageren 72. In China, wo solche Brillen für Beamten- und Hochschulaufnahmeprüfungen bereits verboten sind, hat sich ein florierender Schwarzmarkt entwickelt. Der Tagespreis für die Leihgeräte liegt umgerechnet zwischen 5 und 10 Euro.

Ofqual schlägt Alarm: „Die nächste Betrugswelle rollt“

Die britische Prüfungsaufsicht Ofqual schlug am Montag Alarm. Smartglasses und andere Wearables bezeichnete sie als „die nächste große Welle des Prüfungsbetrugs“. Die Zahlen untermauern die Warnung: Bei den Prüfungen 2025 in England entfielen 2.225 Fälle auf Geräte-bezogene Verstöße – das sind 44,3 Prozent aller gemeldeten Betrugsfälle.

Auch Unternehmen betroffen: Infosys stoppt Online-Tests

Der Betrugstrend macht auch vor der Wirtschaft nicht halt. Der indische IT-Dienstleister Infosys verschob kürzlich Online-Assessments für mehr als 20.000 Bewerber, nachdem Fälle von Identitätstäuschung und Schummelei aufgedeckt wurden. Die Tests waren für Fachinformatiker und Digital-Spezialisten vorgesehen. Zwar hält das Unternehmen an seinen Einstellungsplänen fest, hat aber zusätzliche Sicherheitschecks und Schutzmechanismen in seine Prüfungsplattform eingebaut.

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Marokko: Rekordzahlen trotz neuer Abwehrsysteme

In Marokko explodierten die Betrugszahlen geradezu. Bei den nationalen Abiturprüfungen 2026 registrierten die Behörden 4.126 Fälle – ein Anstieg von 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei den regionalen Prüfungen schnellte die Zahl sogar um 167 Prozent auf 4.929 Fälle hoch. Erstmals setzte das Land das Anti-Schummel-System „T3 Shield“ ein – mit offenbar begrenztem Erfolg.

Gesetzgeber reagieren: Leuchten gegen heimliche Aufnahmen

In den USA brachte ein Abgeordneter aus Pennsylvania den Gesetzesentwurf House Bill 2603 ein. Er würde vorschreiben, dass Smartglasses beim Filmen ein dauerhaftes optisches Signal zeigen müssen. Hintergrund sind Berichte über Nutzer, die versuchen, die Kontrollleuchten an KI-Brillen zu deaktivieren.

Die Botschaft ist klar: Der Kampf gegen KI-gestützten Betrug ist erst am Anfang. Während die Technologie rasant voranschreitet, hinken Sicherheitsmaßnahmen und Gesetze hinterher. Bildungseinrichtungen und Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Prüfungen grundlegend neu zu denken – oder sich in einem permanenten Wettrüsten mit den Betrügern wiederzufinden.