Die Erfassung von Vitalwerten über tragbare Elektronik stößt bei der Bestimmung des Blutdrucks weiterhin auf erhebliche technologische Hürden. Prof. Dr. Markus van der Giet von der Charité Berlin rät laut einem Bericht vom 24. Oktober 2026 von manschettenfreien Blutdruckmessungen über optische Sensoren ab, wie sie in Smartwatches von Apple, Samsung und Google zum Einsatz kommen. Seit Jahrzehnten lasse sich über derartige sensorische Verfahren kein verlässlicher Blutdruckwert ableiten.
Grenzen optischer Schätzverfahren bei Apple, Samsung und Google
Die Hersteller verfolgen bei der Implementierung sehr unterschiedliche Ansätze, bleiben bei optischen Systemen jedoch hinter klassischen Messmethoden zurück. Eine Apple Watch warnt ab der Series 9 lediglich vor möglichen Anzeichen von Bluthochdruck, liefert Nutzern jedoch gar keine konkreten Blutdruckwerte in Millimeter Quecksilbersäule.
Samsung setzt bei der Galaxy Watch auf ein Verfahren, das zunächst eine Kalibrierung mit einer herkömmlichen Oberarmmanschette erfordert und diesen Vorgang alle 28 Tage wiederholt. Nach Einschätzung von van der Giet bringe dieser Ablauf jedoch keinen messbaren Gewinn an Genauigkeit. Relevante Blutdruckschwankungen bei körperlicher Aktivität sowie die biologisch bedeutsamen Tag-Nacht-Unterschiede würden dadurch nicht verlässlich abgebildet.
Google rollt ab Ende Oktober 2026 die Funktion Health Guardian für die bildschirmlose Fitbit Air im Rahmen eines kostenpflichtigen Abonnements aus. Das System liefert monatliche Übersichten über Trends beim Blutdruck und der Insulinresistenz, weist jedoch explizit keine mmHg-Werte aus und stellt nach Unternehmensangaben keinen Ersatz für eine klinische Diagnostik dar.
Oszillometrische Miniatur-Manschetten als Alternative
Eine technische Ausnahme stellt die 449 Euro teure Huawei Watch D3 dar. Das Modell nutzt im Armband eine mechanische Luftkammer mit Zweischicht-Airbag, die etwa ein Fünftel der Breite einer klassischen Manschette aufweist.
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Statt rein algorithmischer Schätzungen setzt das Gerät auf das oszillometrische Verfahren und erfüllt die Vorgaben der EU-Medizinprodukteverordnung. Laut van der Giet liefere das Modell als einziges derzeitiges Gerät echte Messungen mit sehr geringen Abweichungen.
Gleichzeitig bleibt die Messung anfällig für Anwendungsfehler: Um fehlerhaft überhöhte Werte zu vermeiden, muss sich das Handgelenk während der Messung exakt auf Herzhöhe befinden, zudem ist Stillhalten erforderlich. In Produkttests zeigte das Gerät bei Vergleichsmessungen mit einem Oberarmgerät Abweichungen von rund 4 Prozent bei systolischen und 12 Prozent bei diastolischen Verten.
Fehlende Validierung und Belastung der Praxen
In der medizinischen Fachwelt wird die Reife manschettenfreier Technologien weiterhin kritisch bewertet. Jordana B. Cohen von der University of Pennsylvania betonte im Rahmen einer Stellungnahme der American Heart Association, dass entsprechende Geräte zwar die Belastung durch Messungen senken könnten, die Technologie diesen Entwicklungsstand aber noch nicht erreicht habe.
Auch Autoren im Journal of Human Hypertension sowie Übersichtsarbeiten in Nano-Micro Letters verweisen darauf, dass Wearables standardisierte klinische Prüfungen und Langzeitstabilität vermissen lassen und lediglich als Ergänzung, nicht als Ersatz etablierter Diagnostik taugen.
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Dr. Isabella Tan vom George Institute for Global Health hebt hervor, dass moderne Leitlinien wie jene der European Society of Hypertension strenge Kriterien inklusive sechs spezifischer Validierungstests fordern. Vor diesem Hintergrund warnt van der Giet davor, ärztliche Untersuchungen durch Smartwatches zu ersetzen.
Eine 24-Stunden-Überwachung am Handgelenk könne eine ambulante Langzeitmessung nicht aufwiegen. Generell seien Kontrollen ab einem Alter von 30 Jahren ratsam; bei diagnostiziertem Bluthochdruck empfiehlt er mindestens eine ärztliche Kontrolle pro Jahr.
Zudem berichten Hausarztpraxen bereits von einer wachsenden Arbeitslast durch ungeprüfte Wearable-Warnmeldungen, da standardisierte Abläufe zur Integration der Patientendaten bislang fehlen.

