Tech Sovereignty Package: EU baut digitale Unabhängigkeit auf

Die EU startet mit einem Vier-Säulen-Plan die Offensive für digitale Souveränität und weniger Abhängigkeit von US-Konzernen.

Mit dem „Tech Sovereignty Package“ vom 3. Juni 2026 leitet Brüssel eine strategische Wende ein: Statt nur zu regulieren, will die EU jetzt eigene digitale Fähigkeiten aufbauen. Das Paket adressiert jahrelange Sorgen um Datensouveränität, rechtliche Grauzonen durch ausländische Gesetze wie den US CLOUD Act und den Bedarf an transparenten, offenen Alternativen für Staat und Wirtschaft.

Vier Säulen für Europas digitale Unabhängigkeit

Die neue Strategie ruht auf vier zentralen Initiativen: dem Chips Act 2.0, dem Cloud and AI Development Act (CADA), einer EU-Open-Source-Strategie sowie einer Roadmap für Digitalisierung und KI im Energiesektor. Das Ziel ist ambitioniert – derzeit stammen über 80 Prozent der wichtigsten digitalen Produkte innerhalb der EU von Anbietern außerhalb des Bündnisses.

CADA führt vier verschiedene EU-Gütesiegel für Cloud-Souveränität ein. Interessant: US-Konzerne dürfen weiterhin mitmachen – allerdings nur, wenn ihre europäischen Tochtergesellschaften tatsächlich von Europa aus kontrolliert werden. Kritiker bezweifeln, dass dieser Kompromiss die Abhängigkeit wirklich verringert. Kommissionspräsidentin von der Leyen stellte klar: „Wir können bei kritischen Technologien für unsere öffentliche Infrastruktur nicht von externen Anbietern abhängig bleiben.“

Open Source in der Praxis: Schleswig-Holstein macht vor, wie es geht

Ein konkretes Beispiel liefert Schleswig-Holstein. Dort hat die Landesregierung 30.000 öffentliche Bedienstete auf eine komplette Open-Source-Infrastruktur umgestellt. Microsoft Exchange und Outlook wurden durch LibreOffice, Nextcloud, Open-Xchange und Linux ersetzt – insgesamt 44.000 Mailboxen wurden migriert.

Die Begründung der Landesregierung: Sicherheitsrisiken durch ausländische Cloud-Gesetze. Zusätzlich startete das Land „LLMoin“, einen KI-Assistenten auf souveräner europäischer Infrastruktur. Das Projekt soll zeigen, dass lokale KI in der Verwaltung funktioniert.

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Der Trend setzt sich in der Forschung fort. Beim de.KCD Industry Forum am 18. Juni in Berlin betonten Experten: Datenresidenz allein garantiert noch keine rechtliche Souveränität. Sensible Projekte, etwa an der Charité, setzen deshalb zunehmend auf OpenStack-basierte Plattformen. Branchenzahlen vom Forum zeigen: 82 Prozent der deutschen Unternehmen befürworten europäische Cloud-Anbieter, die Hälfte überdenkt wegen geopolitischer Risiken ihre Cloud-Strategie.

Milliarden-Hürden und erste Investitionen

Der Weg zur Souveränität ist teuer. EU-Staaten halten derzeit Cloud- und KI-Verträge im Wert von rund 10,8 Milliarden Euro mit US-Konzernen – Microsoft allein macht zwei Drittel davon aus. Am 25. Juni 2026 signalisierte die Kommission, dass sie Cloud-Dienste von Amazon und Microsoft künftig strenger regulieren will, möglicherweise unter dem Digital Markets Act (DMA).

Um die Finanzierungslücke für europäische Tech-Firmen zu schließen, hat der dänische Export- und Investmentfonds EIFO am 27. Juni eine Ankerinvestition von 200 Millionen Euro in den Scaleup Europe Fund bekannt gegeben. Der Fonds wird von EQT verwaltet, hat ein Gesamtvolumen von fünf Milliarden Euro und erhält eine Milliarde von der EU-Kommission. Die ersten Auszahlungen sind für Herbst 2026 geplant – gedacht als Spätphasenkapital für europäische Unternehmen, die ohne Übernahme durch ausländische Konzerne wachsen sollen.

Der „KI-Notausschalter“ als Weckruf

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Ein alarmierendes Beispiel für die Risiken technologischer Abhängigkeit lieferte der KI-Entwickler Anthropic im Juni 2026. Das Unternehmen schaltete bestimmte Modelle global ab – ein realer Fall eines „KI-Notausschalters“ aus fremder Hand. Der österreichische Staatssekretär Alexander Pröll forderte daraufhin, die EU solle Anthropic nach Europa holen, um verlässlichen Zugang zu sichern.

Doch nicht alle europäischen Schwergewichte ziehen mit. Volvo, Stellantis und Thales sträuben sich gegen eine vollständige Ablösung von US-Technologie. Ihre Argumente: Kosten und Leistungsfähigkeit europäischer Alternativen erreichen noch nicht das Niveau etablierter globaler Modelle. Siemens und Renault fahren deshalb einen Multi-Modell-Ansatz – sie kombinieren souveräne Lösungen mit bestehenden Nicht-EU-Technologien, um wettbewerbsfähig zu bleiben.