Tesla: US-Behörde verschärft Untersuchung zu Autopilot-Software

Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA leitet eine technische Analyse zu Teslas Fahrassistenzsystem ein. Grund sind verspätete Warnungen bei schlechter Sicht, die mit neun Unfällen in Verbindung gebracht werden.

Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA hat ihre Untersuchung zu Teslas Full Self-Driving-System verschärft. Grund sind Sicherheitsbedenken, dass die Kameras des Systems bei schlechter Sicht versagen, ohne den Fahrer zu warnen. Die nun eingeleitete Engineering Analysis ist der letzte Schritt vor einer möglichen Zwangsrückrufaktion für rund 3,2 Millionen Fahrzeuge in den USA – ein schwerer Rückschlag für die autonomen Ambitionen des Elektroauto-Pioniers.

Was genau wird untersucht?

Die Behörde hat ihre seit Oktober 2024 laufende Vorprüfung nun zu einer vollumfänglichen technischen Analyse hochgestuft. Im Fokus steht die kamerabasierte Erkennung von Sichtbehinderungen. Das System soll eigentlich selbst erkennen, wenn Blendung durch die Sonne, Staub oder dichter Nebel die Sensoren beeinträchtigen, und den Fahrer zur Übernahme der Kontrolle auffordern. Doch genau hier hapert es laut den Ermittlern: Die Warnungen kommen oft zu spät oder gar nicht. In einigen dokumentierten Fällen verlor das System vor einem Aufprall sogar komplett die Spur des vorausfahrenden Fahrzeugs.

Betroffen sind praktisch alle aktuellen Tesla-Modelle aus den Produktionsjahren 2016 bis 2026, darunter Model S, Model 3, Model X, Model Y und der Cybertruck.

Neun Crashs – ein Todesopfer

Die Eskalation des Verfahrens folgt auf die Auswertung mehrerer Unfälle. Die Behörde hat neun konkrete Kollisionen identifiziert, die direkt auf das Erkennungsproblem zurückgeführt werden. Dabei gab es einen Toten und zwei Verletzte. Sechs weitere Vorfälle werden noch geprüft.

Kritik gibt es auch an Teslas internem Datenmanagement. Die NHTSA wirft dem Unternehmen vor, durch uneinheitliche Analysen und „Labeling-Limitations“ möglicherweise eine erhebliche Untererfassung relevanter Crashs verursacht zu haben. Zwar arbeitet Tesla laut Behördenangaben seit Mitte 2024 an einem Software-Update. Wann es ausgerollt wurde und welche Fahrzeuge es erhalten haben, sei jedoch unklar.

Drei laufende Untersuchungen und wachsender juristischer Druck

Die Sichtbarkeits-Untersuchung ist nur eine von drei gleichzeitigen Bundesermittlungen gegen Teslas Fahrassistenzsysteme. Parallel läuft eine Prüfung zu 58 Vorfällen, bei denen Fahrzeuge mit Autopilot rote Ampeln überfuhren oder in Gegenverkehr gerieten.

Der regulatorische Druck wird von einer verschärften rechtlichen Lage begleitet. Ein Bundesrichter bestätigte kürzlich ein Millionenurteil gegen Tesla in einem anderen Fall mit tödlichem Ausgang. Dies signalisiert einen Kurswechsel der Gerichte in der Haftungsfrage für solche Systeme. Zudem sorgen spektakuläre Vorfälle – wie ein jüngster Crash eines Cybertrucks in Houston – für anhaltende negative Schlagzeilen und Klagen.

Architektonische Grundsatzfrage: Nur Kameras genug?

Experten sehen in der Untersuchung eine grundlegende Prüfung von Teslas Technologie-Strategie. Das Unternehmen setzt seit 2021 ausschließlich auf Kameras (Vision-only) und verzichtet auf redundante Radar- oder Lidar-Sensoren. Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von dem der meisten Wettbewerber wie Waymo, die auf eine Kombination verschiedener Sensoren setzen, um auch bei schlechten Sichtverhältnissen sicher zu navigieren.

Die Kernfrage lautet: Kann eine kameralastige Architektur überhaupt zuverlässig erkennen, wann sie nicht mehr sieht? Das Ergebnis der Untersuchung wird nicht nur Teslas Image, sondern auch das Anlegervertrauen beeinflussen. Der Börsenkurs des Unternehmens gab nach Bekanntwerden der verschärften Untersuchung bereits spürbar nach.

Was kommt jetzt auf Tesla zu?

Die Engineering Analysis ist die finale Phase vor einer möglichen Zwangsmaßnahme. Sie dauert typischerweise bis zu 18 Monate und umfasst intensive technische Tests und Vergleiche mit anderen Herstellern.

Das Ergebnis könnte Tesla zu tiefgreifenden Änderungen zwingen: von einer Überarbeitung der Erkennungsalgorithmen über Einschränkungen der Nutzungsbereiche bis hin zu einer grundsätzlichen Revision der „Nur-Kameras“-Strategie. Für Tesla, das Fahrzeuge ohne Lenkrad und Pedale ankündigt, wird dieser Untersuchungsausgang entscheidend sein. Er bestimmt maßgeblich, ob diese autonomen Visionen jemals legal auf öffentliche Straßen gelangen dürfen.