Die Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen steht vor einem grundlegenden Umbau: Der bislang dezentrale Einbox-Konnektor soll durch einen zentralen Cloud-Dienst, das sogenannte TI-Gateway, ersetzt werden. Zugleich löst das HSM-B-Verfahren die bisherige SMC-B-Authentifizierung ab.
Wie kma-online.de berichtete, wurde die ursprünglich bereits für 2025 angepeilte Umstellung nun auf Ende 2030 verschoben. Die Migration soll parallel zum laufenden Regelbetrieb erfolgen, um Versorgungsunterbrechungen zu vermeiden.
Pilotphase für VSDM 2.0
Parallel zur Gateway-Umstellung befindet sich das Verfahren zur Versichertenstammdatenmanagement-Aktualisierung, VSDM 2.0, laut Gematik derzeit in der Pilotphase. Die neue Architektur soll perspektivisch die technische Basis für Anwendungen wie die elektronische Patientenakte (ePA) und das E-Rezept stabiler gestalten.
Hohe Kosten für Kliniken
Der Betrieb eines TI-Gateways ist für Krankenhäuser mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden. Dr. Peter Gocke von der Charité bezifferte die jährlichen Kosten für ein großes Krankenhaus auf einen sechsstelligen Euro-Betrag. Diese Summe dürfte insbesondere kleinere und mittlere Häuser vor Herausforderungen stellen, während die Umstellung zugleich als Voraussetzung für eine stabilere technische Grundlage gilt.
Ernüchternde Bilanz zur Stabilität
Wie stark die aktuelle Infrastruktur tatsächlich unter Störungen leidet, zeigt die TI-Atlas-Studie 2026 der Gematik: Nur 57 Prozent der Kliniken, die bereits über ein TI-Gateway verfügen, berichteten von einer spürbaren Stabilitätsverbesserung. Im Jahr 2025 registrierten die befragten Einrichtungen im Schnitt 25 Beeinträchtigungen pro Monat.
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Bei der ePA kam es zu 162 Störungen, beim E-Rezept zu 164. Als strukturelle Ursache nennt die Gematik die Komplexität des Systems: Die aktuelle TI weist demnach über 800 technische Abhängigkeiten auf, allein das Einstellen eines E-Rezepts erfordert 17 technische Operationen.
Weitere Anwendungen sollen erst schrittweise vollständig verfügbar werden – der Medikationsplan etwa soll laut Gematik erst Anfang 2027 vollständig in die ePA integriert sein. Im Oktober sollen zudem Ausschreibungen für eine einheitliche Open-Source-Backend-Plattform starten.
Verband warnt vor kartellrechtlichen Risiken
Der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) hat das gematik-Konzept „TI-Betriebsstabilität und Transformationsplan 2030″ scharf kritisiert. Grundlage ist ein juristisches Gutachten der Kanzlei Taylor Wessing zum GeDIG, wonach der geplante Wechsel vom Zulassungs- zum Beauftragungsmodell sowie die Zentralisierung wesentlicher Backend-Funktionen kartell- und vergaberechtlich hochproblematisch seien.
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Große Ausschreibungslose, langfristige Bindungen und eine enge Kopplung von Backend und zentraler Plattform drohten laut dem Verband den Wettbewerb einzuschränken und kleineren sowie mittleren Anbietern den Marktzugang zu erschweren.
Der bvitg fordert von der Gematik belastbare Evidenz für den behaupteten Stabilitätsgewinn durch die Zentralisierung. Als Alternativen schlägt der Verband eine konsequentere Durchsetzung bestehender Zulassungs- und Spezifikationsanforderungen vor sowie eine Stärkung der Eingriffs- und Überwachungsmöglichkeiten der Gematik selbst – anstelle einer weitreichenden strukturellen Neuordnung des Marktes.
Die Debatte macht deutlich, dass die technische Modernisierung der Telematikinfrastruktur nicht nur eine Frage der IT-Architektur ist, sondern auch wettbewerbs- und vergaberechtliche Fragen aufwirft, die über den bis 2030 angesetzten Umstellungszeitraum hinaus Bestand haben dürften.

