Die internationale KI-Regulierung steckt in der Krise, während neue Software etablierte Anbieter unter Druck setzt. Diese Woche zeigen sich in New Delhi und an den Finanzmärkten parallele Erschütterungen, die Anwälte und Compliance-Abteilungen weltweit beschäftigen werden.
UN-Gipfel in Indien beginnt im Zeichen des Zwists
Der India AI Impact Summit hat heute in Neu-Delhi begonnen – und startet mit einem diplomatischen Eklat. Erstmals richtet die UNO ihre wichtigste KI-Konferenz im Globalen Süden aus, ein symbolträchtiger Schritt weg von den westlichen Hauptstädten. Doch die Stimmung ist überschattet: Nur vier Tage vor Gipfelbeginn stimmte die UN-Vollversammlung mit 117 Ja-Stimmen für ein neues Wissenschaftliches UN-Fachgremium für Künstliche Intelligenz.
Das 40-köpfige Gremium, angelehnt an den Weltklimarat IPCC, soll jährliche Berichte zu KI-Risiken und Chancen erstellen. Doch die USA und Paraguay votierten dagegen. Die amerikanische Delegation brandmarkte das Panel als Kompetenzüberschreitung der UNO und warnte vor Einfluss durch Regime mit anderer Auffassung digitaler Freiheiten. Dieser Konflikt spaltet die internationale Gemeinschaft 2026 in zwei Lager: jene, die zentrale Aufsicht fordern, und jene, die wie die USA dezentrale, innovationsfreundliche Ansätze bevorzugen.
UN-Generalsekretär António Guterres will noch diese Woche vor den Versammelten sprechen und für gemeinsame „Schutzgeländer“ werben. Die Experten des neuen Gremiums, aus über 2.600 Kandidaten ausgewählt, haben ihr Mandat bis Februar 2029. Ihre ersten Bewertungen werden die Umsetzung nationaler KI-Gesetze weltweit beeinflussen.
Anthropics KI-Plugin löst Börsen-Turbulenzen aus
Während in Indien die Diplomaten streiten, gerät der Rechtsdienstleistungsmarkt durch eine technische Neuerung ins Wanken. Das KI-Unternehmen Anthropic brachte Anfang Februar ein spezielles Rechts-Plugin für seine Plattform Claude Cowork auf den Markt. Das Tool automatisiert komplexe Aufgaben wie Vertragsprüfung, die Sortierung von Geheimhaltungsvereinbarungen (NDAs) und Compliance-Tracking – Kerngebiete etablierter Anbieter.
Die Reaktion der Börse war heftig. Analysen der Anwaltskanzlei Allens vom 13. Februar zeigen einen deutlichen Kurssturz bei Branchengrößen wie Thomson Reuters und RELX, der Muttergesellschaft von LexisNexis. Investoren fürchten, dass generische „agentische“ KI-Modelle – autonome Programme mit mehrstufigen Arbeitsabläufen – die proprietären Datenbanken und Softwaretools der Branche entwerteten könnten.
Branchenkenner halten die Panik für übertrieben. Das neue Plugin verfüge nicht über die tiefen, kuratierten Rechtsdatenbanken der etablierten Player. Doch es markiert eine neue Wettbewerbsphase: Generalistische KI-Labore greifen nun gezielt Nischenmärkte an. Die „Verifikationssteuer“ – Aufwand und Kosten für menschliche Anwälte, KI-Arbeit zu prüfen – bleibt vorerst eine kritische Hürde für den Einsatz in hochriskanten Bereichen.
Private Equity setzt auf KI-getriebene Ausgliederungen
Abseits der Börsen verändert KI auch die Strategien von Finanzinvestoren. Ein diese Woche veröffentlichter Report von KPMG (Global M&A Outlook 2026) prognostiziert, dass Unternehmensausgliederungen (Carve-Outs) die Fusionen und Übernahmen in diesem Jahr dominieren werden.
Laut Report erwarten 75 Prozent der US-Private-Equity-Dealmaker höhere Transaktionsvolumen für 2026. Ein Schlüsseltreiber ist die „operative Entflechtung“: Unternehmen nutzen KI, um IT-Systeme und Datenarchitekturen schnell zu trennen. Das macht den Verkauf nicht-kerniger Geschäftseinheiten schneller und kostengünstiger.
KI ist für KPMG nicht mehr nur ein Due-Diligence-Werkzeug, sondern ein Deal-Katalysator. Finanzinvestoren setzen zunehmend KI-Agenten ein, um Unterbewertungen in komplexen Konglomeraten aufzuspüren – was zu einer Flut von Veräußerungen führt. Für Compliance-Teams bedeutet dies ein arbeitsreiches Jahr mit regulatorischen Fallstricken bei grenzüberschreitenden Trennungen und Datentransfers.
Countdown für Europa: EU-KI-Gesetz und Wissenslücken
Für Rechtsabteilungen in der EU tickt eine besonders laute Uhr. Das EU-KI-Gesetz, das weltweit erste umfassende KI-Regelwerk, wird am 2. August 2026 vollständig anwendbar. Mit weniger als sechs Monaten verbleibender Zeit wächst die Sorge um die Vorbereitung der Unternehmen, besonders bei „hochriskanten“ KI-Systemen.
Die Frist läuft – Unternehmen müssen jetzt prüfen, ob ihre KI-Systeme den Anforderungen der neuen Verordnung entsprechen. Ein kompakter Umsetzungsleitfaden erklärt Risikoklassen, Kennzeichnungs- und Dokumentationspflichten verständlich und zeigt konkrete Schritte für Entwickler und Compliance-Verantwortliche. Jetzt kostenlosen KI-Umsetzungsleitfaden herunterladen
Aktuelle Daten zeigen alarmierende Wissenslücken. Eine am 13. Februar von Scale Ireland veröffentlichte Umfrage ergab, dass über 35 Prozent der befragten Tech-Gründer die konkreten Implikationen des KI-Gesetzes für ihr Geschäft nicht kennen. Diese Lücke ist riskant, denn das Gesetz schreibt strikte Pflichten für Daten-Governance, Transparenz und menschliche Aufsicht vor – etwa bei KI in Personalwesen, Bildung oder Strafverfolgung.
Rechtsexperten warnen, dass die Verzögerung bei finalen Leitlinien zur Einstufung hochriskanter Systeme die Unsicherheit vergrößert hat. Unternehmen wird geraten, Konformitätsbewertungen bereits auf Basis aktueller Entwürfe zu starten, um Engpässe kurz vor der August-Frist zu vermeiden.
Die Ereignisse dieser Woche zeichnen ein doppeltes Bild für den Rechts- und Compliance-Sektor. Die Werkzeuge werden mächtiger und autonomer, bedrohen etablierte Geschäftsmodelle und treiben Effizienz. Gleichzeitig zieht sich das regulatorische Netz enger. Die Priorität für Rechtsprofis liegt nun im „Compliance-Crunch“ vor der EU-Frist und in der Frage, ob sich die neuen KI-Tools sicher in die Praxis integrieren lassen – ohne regulatorische Prüfung oder Haftungsrisiken heraufzubeschwören. Der Gipfel in Indien könnte zeigen, ob ein globaler Konsens noch möglich ist oder die Regulierungswelt weiter zersplittert.





