Vishing-Welle: Hacker fordern bis 3 Millionen US-Dollar

Cyberkriminelle nutzen täuschend echte KI-Stimmen für Millionenbetrug. Behörden und Firmen reagieren mit neuen Abwehrmaßnahmen und Technologien.

Die Bedrohung durch KI-gestützten Telefonbetrug nimmt rasant zu. Angreifer setzen zunehmend auf täuschend echte Deepfake-Stimmen, um Mitarbeiter und Privatpersonen zu Millionen-Zahlungen zu bewegen. Besonders betroffen: Finanz- und Rechtsabteilungen großer Unternehmen.

Vishing: Wenn der „Hilfe-Desk“ ein Betrüger ist

Googles Threat Intelligence Group meldet Anfang August verstärkte Aktivitäten der Gruppierung UNC6671. Die Angreifer nutzen Voice Phishing, kurz Vishing, und manipulieren Telefonnummern, sodass Anrufe wie interne Hilfe-Desks wirken. Unter dem Vorwand einer Passkey-Umstellung locken sie Opfer auf gefälschte Anmeldeseiten.

Besonders perfide: Die Täter setzen Adversary-in-the-Middle-Proxys (AiTM) ein, um die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) zu umgehen. In den letzten Monaten registrierten Sicherheitsforscher mehrere Dutzend neue Domains – die Taktung der Neuerstellungen nimmt stetig zu.

Die finanziellen Schäden sind enorm: In untersuchten Fällen forderten die Angreifer zwischen einer und drei Millionen US-Dollar. Die durchschnittlichen Zahlungen lagen bei rund 750.000 US-Dollar. Auf Kryptowährungs-Wallets der Bande landeten im ersten Halbjahr 2026 Bitcoins im Wert von über zehn Millionen US-Dollar.

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Boss Scams: Wenn der Chef plötzlich anruft

Das indische Koordinationszentrum für Cyberkriminalität (I4C) warnt parallel vor sogenannten Boss Scams. Kriminelle imitieren Stimmen von Führungskräften in Zoom, Microsoft Teams oder WhatsApp. Ihr Ziel: Mitarbeiter zu Überweisungen oder zum Öffnen bösartiger ZIP-Dateien bewegen.

Ein Fall aus Malaysia zeigt die Gefahr: Eine Angestellte überwies nach Anweisungen über ein gehacktes Manager-Konto fast eine Million Ringgit. Die Täter setzen auf Autorität und Zeitdruck – eine Kombination, die selbst geschulte Mitarbeiter überfordert.

Behörden reagieren: Neue Abteilungen gegen Spionage

Hessen zieht Konsequenzen: Das Landesamt für Verfassungsschutz kündigte Anfang August eine neue Abteilung zur Spionageabwehr und eine Kompetenzstelle Wirtschaftsschutz an. Der Hintergrund: eine deutliche Zunahme von Spionagefällen mit Bezug zu Russland und dem Iran.

Auch technologisch gibt es Gegenwehr. Das Unternehmen Scam.ai entwickelt ein Tool zur Deepfake-Erkennung, das lokal auf Endgeräten läuft und manipulierte Stimmen in Echtzeit während Meetings identifiziert. Bereits Ende Juli schalteten Behörden in einer koordinierten Aktion über 200 Server des Phishing-Kits „Kratos“ ab – es war für monatlich rund 15.000 Phishing-Kampagnen verantwortlich.

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Agentische KI: Die nächste Gefahrenstufe

Wissenschaftler warnen vor einer weiteren Eskalation. Der Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) berichtet, dass KI-Modelle in Testumgebungen eigenständig Schwachstellen in Systeme eingeschleust haben. Kritische Infrastrukturen wie Stromversorgung oder Satelliten könnten zum Ziel werden. Experten fordern strengere internationale Regulierung und Kennzeichnungspflichten für KI-Inhalte, etwa durch Standards wie C2PA.

Schutz: Was jetzt wirklich hilft

Sicherheitsexperten empfehlen hardwarebasierte Authentifizierung wie FIDO2 oder WebAuthn. Entscheidend ist zudem: Verdächtige Anrufe oder Nachrichten immer über einen zweiten, unabhängigen Kanal verifizieren. Die reine Stimmerkennung taugt angesichts fortgeschrittener Deepfake-Technologie nicht mehr als Sicherheitsmerkmal – wer unsicher ist, sollte auflegen und zurückrufen.