Weltweite Offensive gegen Markenpiraterie und Patentbetrug

Behörden in Europa und Asien gehen koordiniert gegen Fälscherbanden vor. Neue Betrugsmaschen mit KI und Phishing gefährden Unternehmen weltweit.

Die internationale Gemeinschaft hat ihre Bemühungen gegen organisierte Markenpiraterie und Betrugsmaschen massiv verstärkt. Von Europa bis Südostasien gehen Polizei und Behörden koordiniert gegen immer professionellere Fälscherbanden vor.

Großrazzia in London: Influencer als Lockvögel

Die britische Polizei hat am Freitag sechs Verdächtige festgenommen, die einen Fälschungsring im Wert von umgerechnet rund 1,8 Millionen Euro betrieben haben sollen. Die Beamten schlugen in einem Lagerhaus in Rotherham zu – und entdeckten einen Verdächtigen, der gerade live auf TikTok falsche Designerkleidung und Turnschuhe anpries.

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Die beschlagnahmte Ware umfasst Kleidung und Schuhe im Wert von knapp 1,2 Millionen Euro, darunter gefälschte Markenschuhe für rund 1,2 Millionen Euro sowie nachgemachte Socken im Wert von etwa 138.000 Euro. Die Ermittler der „Police Intellectual Property Crime Unit“ (PIPCU) betonen, dass sich die Methoden der Fälscher grundlegend gewandelt haben. Aus einfachen Marktständen wurden hochprofessionelle Online-Shops mit Lagerhauskulisse und scheinbar seriösen Übertragungen.

Besonders perfide: Die Influencer werden über Provisionsmodelle angeworben. Je mehr gefälschte Ware sie während ihrer Livestreams verkaufen, desto höher ihre Einnahmen. „Wir beobachten die digitalen Plattformen genau“, warnt die Polizei. „Dieser Fall ist eine klare Warnung an alle, die mit gefälschten Marken handel.“

Vietnam startet größte Anti-Piraterie-Aktion aller Zeiten

In Südostasien hat Vietnam eine beispiellose Offensive gegen Produktpiraterie gestartet. Seit dem 7. Mai läuft die landesweite Aktion, die bis Ende des Monats andauern soll. Alle Ministerien und lokalen Behörden sind angewiesen, gleichzeitig gegen Online-Piraterie und physische Fälschungen vorzugehen.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die US-Handelsbehörde (USTR) hatte Vietnam in ihrem aktuellen „Special 301 Report“ erstmals seit über einem Jahrzehnt als „Priority Foreign Country“ eingestuft – die schärfste Kritikstufe wegen unzureichenden Schutzes geistigen Eigentums. Der vietnamesische Premierminister hat nun eine Null-Toleranz-Politik angeordnet, um das internationale Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Behörden peilen eine Steigerung der Erfolgsquote um mindestens 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Besonders im Fokus: der digitale Raum, wo die unerlaubte Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte und der Verkauf von Markenfälschungen massiv zugenommen haben. Rechteinhaber sind aufgefordert, direkt mit den vietnamesischen Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Perfider Identitätsdiebstahl: Betrüger geben sich als Patentämter aus

Parallel zu den Razzien warnen die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) und das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) vor einer neuen Welle von Phishing-Angriffen. Die Betrüger imitieren offizielle Behördenpost täuschend echt.

Eine besonders perfide Masche: E-Mails von der Domain admin@wipo-office.com geben sich als WIPO, Europäisches Patentamt (EPA) oder EUIPO aus. Die Empfänger werden aufgefordert, dringend Gebühren für Marken- oder Patentdienstleistungen zu zahlen – angeblich drohe sonst der Verlust der Schutzrechte. In einem aktuellen Fall fordern die Betrüger 2.445 Euro Überweisung auf ein Konto in Moldawien.

Auch das US-Patent- und Markenamt (USPTO) schlägt Alarm: Eine neue Betrugsmasche nutzt öffentlich zugängliche Daten aus der Markendatenbank. Die Täter verschicken E-Mails mit echten Aktenzeichen und fordern einen „obligatorischen Verifizierungstermin“ mit einem angeblichen Prüfer. Ziel ist der Diebstahl von Kreditkartendaten. Das USPTO stellt klar: „Wir führen niemals verpflichtende Telefonverifikationen durch. Alle Gebühren werden ausschließlich über unser sicheres Online-System abgewickelt.“

Künstliche Intelligenz treibt Betrug auf neues Niveau

Die Betrugsmaschen werden zunehmend durch Künstliche Intelligenz verfeinert. Der jüngste „Global Financial Fraud Assessment“ von Interpol zeigt: Kriminelle Organisationen setzen sogenannte „Agentic AI“ ein – Systeme, die eigenständig komplexe Aufgaben erledigen können. Sie imitieren Bankmitarbeiter oder Anwälte mit professioneller Sprache, die von echter Korrespondenz kaum zu unterscheiden ist.

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Sicherheitsforscher haben zudem ein Netz von über 17.000 betrügerischen Nachrichtenseiten entdeckt. Diese kopieren das Design großer Medienmarken und veröffentlichen erfundene Geschichten über „Gesetzeslücken“ oder „Marken-Notfälle“, um Unternehmer in die Falle zu locken.

So schützen sich Unternehmen

Experten und Behörden empfehlen mehrere Schutzmaßnahmen:

  • Absender prüfen: Offizielle USPTO-Mails kommen immer von .gov-Domains, WIPO-Kommunikation endet auf @wipo.int. Betrüger nutzen abgewandelte Adressen wie uspto-trademark-gov.live.
  • Währung checken: WIPO-Rechnungen werden ausschließlich in Schweizer Franken ausgestellt. Jede andere Währung ist ein Alarmzeichen.
  • Keine Links anklicken: Niemals auf Links in unaufgeforderten E-Mails klicken. Stattdessen direkt auf den offiziellen Portalen wie dem DPMA oder EUIPO einloggen.
  • Rechtsvertreter einschalten: Unternehmen mit Anwälten sollten sämtliche Kommunikation über ihre registrierten Vertreter laufen lassen.

Hintergrund: Vom Darknet in die Öffentlichkeit

Der aktuelle Anstieg der Kriminalität im Bereich geistigen Eigentums spiegelt einen grundlegenden Wandel der digitalen Wirtschaft wider. Die Erstellung digitaler Kopien von Markenprodukten ist so einfach wie nie zuvor. Der Verkauf von Fälschungen hat sich von Darknet-Foren auf Plattformen wie TikTok verlagert – ein Schritt in die Öffentlichkeit, der das Vertrauen der Verbraucher in bekannte Gesichter und Influencer ausnutzt.

Die koordinierten Aktionen in London und Vietnam zeigen: Die Behörden haben erkannt, dass Markenpiraterie längst Teil organisierter Kriminalität ist. Die Einstufung Vietnams als „Priority Foreign Country“ durch die USA hat als Katalysator gewirkt und könnte die Durchsetzung von Schutzrechten in Schwellenländern nachhaltig verändern.

Ausblick: Strengere Kontrollen erwartet

Für den Rest des Jahres 2026 sind weitere Schläge gegen Social-Media-Marktplätze und strengere Authentifizierungsverfahren in den IP-Systemen zu erwarten. Die Ergebnisse der laufenden Aktion in Vietnam werden als Maßstab für andere Länder auf der US-Beobachtungsliste dienen.

Für Unternehmen bedeutet dies: permanente Wachsamkeit. Da Betrüger ihre Domains alle 48 bis 72 Stunden wechseln, bleibt das Bewusstsein und die strikte Überprüfung aller Zahlungsaufforderungen die wichtigste Verteidigungslinie. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Europol, PIPCU und nationalen Ämtern wird weiter zunehmen – ein klares Signal an die organisierte Kriminalität.