Zahngesundheit und Demenz: 61% höheres Alzheimer-Risiko bei Parodontitis

Forschung zeigt: Rund 45 Prozent der Demenzfälle könnten beeinflussbar sein. Bewegung, Mundpflege und Betreuung gewinnen daher an Bedeutung.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina widmete sich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Fit für morgen! Präventions-Parcours der Wissenschafts-Akademien“ der Frage, wie sich Gehirngesundheit fördern und Demenzerkrankungen vorbeugen lässt.

Die Initiative, die im Kontext des Wissenschaftsjahres 2026 – Medizin der Zukunft des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt steht, brachte Fachleute aus Public Health, Neurowissenschaften, Psychiatrie und Psychotherapie zusammen.

Im Fokus standen praxistaugliche Präventionsansätze, der aktuelle Stand der Forschung sowie deren Konsequenzen für Versorgung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Beeinflussbare Risikofaktoren im Fokus der Prävention

Dass Demenzerkrankungen keineswegs ein unvermeidbares Schicksal darstellen, unterstreichen internationale wissenschaftliche Daten. Nach Erkenntnissen, die sich unter anderem mit dem Bericht der Lancet-Kommission von 2024 decken, gelten rund 45 Prozent der Demenzfälle potenziell als verhinderbar oder erheblich verzögerbar.

Zu den 14 identifizierten beeinflussbaren Risikofaktoren zählen unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Rauchen, Bewegungsmangel, Depressionen, übermäßiger Alkoholkonsum, soziale Isolation, ein hoher LDL-Cholesterinspiegel im mittleren Lebensalter sowie unbehandelter Sehverlust im höheren Alter.

Auch Alzheimer Schweiz beziffert den Anteil der beeinflussbaren Risikofaktoren auf rund 45 Prozent. Stand September 2026 leben in der Schweiz 166.300 Menschen mit Demenz, wovon etwa zwei Drittel Frauen sind. Jährlich kommen mehr als 35.800 Neuerkrankungen hinzu.

Mit geschätzten Gesamtkosten von 11,8 Milliarden Franken pro Jahr – davon etwa 5,5 Milliarden Franken an versteckten Kosten bei pflegenden Angehörigen – zählt Demenz dort zu den teuersten Erkrankungen, weshalb die Organisation mehr Prävention, Früherkennung und Entlastung fordert.

In Österreich leben nach Angaben des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) rund 170.000 Betroffene, mit Prognosen von über 290.000 Erkrankten bis zum Jahr 2050.

Mundgesundheit und neurodegenerative Prozesse

Neben den klassischen Lebensstilfaktoren rückt die Mundgesundheit zunehmend in den Blickpunkt der Demenzforschung. Ein Mitautor einer Studie der Universitätsmedizin Greifswald verweist auf substanzielle Evidenz, wonach eine Keimreduktion im Mundraum das Gehirn gesund halte.

Die Untersuchung wies einen Zusammenhang zwischen der Taschentiefe am Zahnfleisch – einem Indikator für den Schweregrad einer Parodontitis – und dem für Alzheimer typischen Verlust von Gehirnsubstanz nach. Ein Zahnhygieneprogramm führte bei den Greifswalder Probanden zu einer Normalisierung der Hirnalterung.

Wissenschaftliche Theorien besagen, dass Keime wie P. gingivalis die Blut-Hirn-Schranke überwinden oder entlang von Nervenbahnen wandern könnten. Neurodegenerative Prozesse nehmen bei vielen Betroffenen ihren Anfang im Riechhirn, während Amyloid-Plaques antimikrobielle Eigenschaften aufweisen.

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Eine Behandlung von Parodontitis sei daher vor allem in der Vorbeugung relevant, da bei fortgeschrittener Erkrankung bereits zu viel Nervengewebe zerstört sei.

Unterstützt werden diese Erkenntnisse durch eine Zehn-Jahres-Beobachtungsstudie der Kyushu University an 1.396 zu Beginn demenzfreien älteren Erwachsenen: Personen mit dem höchsten Anteil blutender Zahnfleischstellen wiesen ein um 61 Prozent höheres Risiko für die Alzheimer-Krankheit auf als jene mit den niedrigsten Werten.

Bewegung, Schritttempo und Treppensteigen

Körperliche Aktivität gilt als zentrale Säule der allgemeinen Risikoreduktion. Eine im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Untersuchung der Monash University und der University of Sydney analysierte Daten von 64.743 Erwachsenen aus der UK-Biobank über durchschnittlich acht Jahre.

Die Auswertung zeigte, dass nicht allein das Gesamtvolumen zählt: Personen mit weniger als 5.000 Schritten täglich wiesen ein deutlich reduziertes Sterberisiko auf, wenn sie in ihren aktivsten 30 Minuten eine Frequenz von etwa 80 Schritten pro Minute erreichten.

Das Optimum lag bei 90 bis 100 Schritten pro Minute. Die weit verbreitete Zielmarke von 10.000 Schritten geht historisch auf eine japanische Werbekampagne der 1960er-Jahre zurück und besitzt keine primär klinische Evidenz.

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Auch alltagsnahe Belastungsformen zeigen messbare Effekte. Eine Meta-Analyse unter Beteiligung des Norfolk and Norwich University Hospital und der University of East Anglia, die Daten von über 480.000 Teilnehmenden auswertete, stellte fest, dass regelmäßiges Treppensteigen das Risiko für kardiovaskuläre Sterblichkeit um 39 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um rund 24 Prozent senkt.

Eine einbezogene Studie deutet darauf hin, dass bereits etwa sechs Treppenläufe pro Tag einen hohen Nutzen bringen. Zudem zeigte eine Untersuchung der Universität Tsukuba, dass bereits zehn Minuten leichtes Laufen auf dem Laufband bei drei bis sechs Kilometern pro Stunde die Stimmung hoben und die Leistung bei kognitiven Aufmerksamkeitstests steigerten, begleitet von einer erhöhten Aktivität in Arealen des präfrontalen Kortex.

Musik und Tagesbetreuung in der Versorgung

In der begleitenden Versorgung gewinnen nicht-medikamentöse Ansätze wie Musikangebote an Bedeutung. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 zu 24 randomisierten Studien mit 2.316 Teilnehmenden belegt Verbesserungen bei Kognition, Angst, Lebensqualität sowie der Belastung pflegender Angehöriger durch Musiktherapie, wenngleich robuste klinische Evidenz begrenzt bleibt. Die Bundesinitiative Musik & Demenz setzt sich vor diesem Hintergrund für mehr qualifizierte Angebote ein.

Zugleich fordern Wohlfahrtsverbände den Ausbau psychosozialer Versorgungsstrukturen. Laut Diakonie-Präsidentin Maria Katharina Moser lässt sich die Lebensqualität Demenzerkrankter durch gezielte Betreuung verbessern und der Krankheitsverlauf verlangsamen.

Eine Untersuchung an der FH Oberösterreich bestätigte positive Effekte von Tagesbetreuung auf Lebensqualität und Verweildauer im häuslichen Umfeld. In Österreich nehmen derzeit jedoch lediglich rund 10.000 Personen mit Pflegegeldanspruch solche Angebote wahr, während der tatsächliche Bedarf auf das Vierfache geschätzt wird.

Die Verknüpfung von wissenschaftlicher Präventionsforschung mit alltagstauglichen Versorgungsmodellen bleibt eine der zentralen gesundheitspolitischen Herausforderungen.