Eine geplante Sonderabgabe auf stark gezuckerte Erfrischungsgetränke sorgt innerhalb der Bundesregierung für erhebliche Spannungen. Das Bundeskanzleramt legte am 1. Oktober 2026 den Gesetzentwurf für ein Zuckergetränkesteuergesetz aus dem Haus von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) vorerst auf Eis, da die Vorlage in ihrer vorliegenden Form als nicht mehrheitsfähig eingestuft wird.
Am selben Tag trat der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille Berichten über einen endgültigen Stopp des Gesetzgebungsprozesses entgegen. Die Auseinandersetzung verdeutlicht den grundlegenden Konflikt zwischen fiskalischen Zielen und ordnungspolitischen Vorbehalten innerhalb der Koalition.
Der Entwurf des Finanzministeriums und geplante Abgaben
Das Bundesfinanzministerium legte einen dritten Entwurf vor, der nach Kritik aus den Reihen der Union nicht mit dem Kanzleramt abgestimmt war. Vorgesehen war eine Kabinettsbefassung für den 7. Oktober. Klingbeils Vorlage sieht deutlich höhere Steuersätze vor als ursprünglich in der Koalition diskutiert.
Ab dem 1. Juli 2027 sollten demnach drei Steuerstufen greifen:
– 26 Cent je Liter bei einem Gehalt ab 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter,
– 32 Cent je Liter ab 7 Gramm Zucker,
– 38 Cent je Liter ab 10 Gramm Zucker.
Durch diese Ausgestaltung kalkulierte das Finanzministerium mit Einnahmen von 775 Millionen Euro im Jahr 2027 und knapp 1,2 Milliarden Euro im Jahr 2028, dauerhaft sollten es mehr als eine Milliarde Euro jährlich sein. Kleine Hersteller mit einer Produktion von bis zu 70.000 Litern pro Jahr sowie alkoholfreie Varianten von Bier, Wein und Spirituosen sollten von der Abgabe befreit bleiben.
Für Verbraucher hätte dies spürbare Preissprünge bedeutet. Ein Liter Coca-Cola Classic mit 10,6 Gramm Zucker pro 100 Milliliter würde sich inklusive Mehrwertsteuer um rund 45 Cent verteuern.
Nach Berechnungen für den Getränkekonsum trinkt die Bevölkerung in Deutschland im Schnitt 90 bis 100 Liter gezuckerte Getränke pro Jahr, was jährlichen Mehrkosten von 35 bis 45 Euro pro Person und 140 bis 180 Euro für eine vierköpfige Familie entspräche.
Für den Vollzug veranschlagte das Finanzministerium rund 89 Millionen Euro für Zoll und Informationstechnik sowie 200 zusätzliche Stellen bei der Zollverwaltung.
Widerstand der Union und alternative Modelle
Gegen den Kurs des Finanzministeriums regt sich massiver politischer Widerstand. Unionsgeführte Ministerien für Digitales, Gesundheit und Landwirtschaft drohten mit einem Veto beziehungsweise Leitungsvorbehalten gegen einen Kabinettsbeschluss.
Der Gesetzentwurf zur Zuckersteuer liegt seit dem 1. Oktober beim Kanzleramt auf Eis — aber die geplanten Steuerstufen ab Juli 2027 würden einen Liter Cola Classic um rund 45 Cent verteuern und eine vierköpfige Familie 140 bis 180 Euro pro Jahr kosten. Wer heute schon weiß, welche Getränke im Einkaufswagen betroffen wären, kann sein Haushaltsbudget rechtzeitig umstellen. Jetzt kostenlosen Zucker-Check anfordern
Bereits im August hatte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer einen Leitungsvorbehalt gegen das damalige Eckpunktepapier eingelegt. Zudem lehnte ein CDU-Bundesparteitag die Zuckersteuer mehrheitlich ab.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Unionsfraktion pochen auf eine direkte Umsetzung der Empfehlungen der Finanzkommission Gesundheit, die von Kanzleramtschefin Nina Warken eingesetzt worden war.
Dieses Modell sieht lediglich zwei Stufen vor: 26 Cent je Liter ab 5 Gramm Zucker und 32 Cent ab 8 Gramm. Damit würden ab 2028 Mehreinnahmen von rund 450 Millionen Euro jährlich generiert, was deutlich unter den Annahmen des Finanzministeriums liegt.
Geteilte Reaktionen bei Verbänden und Medizinern
Befürwortung erhält die Abgabe von der Bundesärztekammer. Deren Präsident Dr. Klaus Reinhardt bezeichnete die Steuer als wirksames Instrument zur Reduzierung des Konsums stark gezuckerter Getränke und verwies auf Großbritannien. Dort sank der durchschnittliche Zuckergehalt erfasster Getränke zwischen 2015 und 2020 um 46 Prozent, allerdings stieg die Übergewichtsproblematik im selben Zeitraum dennoch an.
Dagegen fordern Agrar- und Wirtschaftsverbände ein vollständiges Ende der Pläne. Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbands, und die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber sprachen sich für einen kompletten Stopp aus.
Nicht nur Cola: In vielen Alltagsgetränken steckt mehr Zucker, als die Steuerstufen von 5, 7 und 10 Gramm pro 100 Milliliter vermuten lassen — und die politische Lage bleibt bis zur Kabinettsentscheidung offen. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie versteckten Zucker in Ihrem Einkauf entlarven und mit fünf günstigen Alternativen gegensteuern. Zucker-Checkliste jetzt herunterladen
Vertreter der Ernährungswirtschaft und der Zuckerindustrie, darunter BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff, VdF-Präsident Heinrich Prinz Reuss und WVZ-Hauptgeschäftsführer Günter Tissen, warnen vor bürokratischen Belastungen, Etikettenschwindel und Einbußen für die regionale Wirtschaftskraft.
Zudem verweisen Branchenvertreter darauf, dass der Zuckergehalt marktrelevanter Erfrischungsgetränke in Deutschland seit 2018 bereits ohne Steuer um rund 15 Prozent gesunken ist.

