Unsere Altsteinzeitler konnten schon Wurzelbehandlung

GesundheitAllgemein herrscht ja die Vorstellung, dass unsere frühen Vorfahren in der Steinzeit nur primitive Werkzeuge kannten. Die Archäologie liefert uns aber immer wieder faszinierende Einblicke in das Leben vor 10.000 Jahren und früher. So kannten die Vorfahren wohl auch schon Zahn- und Wurzelbehandlungen.


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Wenn der Zahn kariös wird und die Wurzeln sich entzünden, meldet sich der Nerv und es gibt oft tierische Zahnschmerzen. Früher wurde der Zahn gezogen und es war (hoffentlich) Ruhe. Die moderne Zahnheilkunde kennt zusätzlich eine Wurzelbehandlung, bei der der Wurzelkanal unter lokaler Betäubung mit feinen Feilen freigelegt und dann mit einem Material gefüllt wird. Die Wikipedia hält hier eine Beschreibung der Prozedur vor. Auch auf dem Medizinportal Jameda.de kann man sich über das Thema informieren.

In der Altsteinzeit konnte man das auch schon!

Bereits vor 13.000 Jahren, also in der sogenannten Altsteinzeit, gab es wohl Menschen, die sich einer Wurzelbehandlung unterzogen und dies sogar überlebt haben. Offenbar gab es Zahnheilkundige Menschen, die über sehr feine Bohrer aus Flintstein oder Knochen verfügten, um den Wurzelkanal aufzubohren und zu säubern. Als Füllung kam dann ein Stück Bitumen in den Hohlraum.

Das Ganze wurde von Forschern der Universität Bologna entdeckt und von einem Anthropologen-Team rund um den Associate Professor Stefano Benazzi im Magazin Physical Antropology (Englisch) veröffentlicht. Demnach fand man vor 20 Jahren in der Toskana, in den Bergen von Riparo Fredian, ca. 75 km nordwestlich von Florenz, Zähne von sechs Menschen unter einem Felsüberhang.

Bei einer erneuten Untersuchung der Zähne entdeckten die Forscher beim Fundstück Fredian 5 zwei obere mittlere Schneidezähne, die ein zentrales Loch aufwiesen. Kratzspuren an den Zahnwänden bewiesen: Die sogenannte Pulpenhöhle der jeweiligen Zähne, in denen der Nerv liegt, waren beim betreffenden Individuum zu dessen Lebzeiten künstlich erweitert worden. Die Sensation: Der betreffende Mensch muss vor 13.000 bis 12.740 Jahren in der Region gelebt haben.

Der steinzeitliche ‘Zahnarzt’ musste mit feinen Bohrern aus Feuerstein (Flint) oder Knochen den entzündeten Wurzelkanal geöffnet, gesäubert und erweitert haben. In den erweiterten Wurzelkanälen entdeckte man Reste von Bitumen, sowie Pflanzenfasern und Tierhaare. Die Vermutung geht dahin, dass mit dem Bitumen der erweiterte Wurzelkanal verschlossen wurde. Das Bitumen diente wohl, zusammen mit Pflanzen, auch als Antiseptikum, um die Bakterien abzutöten und sollte den aufgebohrten Kanal von Speiseresten frei halten. Was die Tierhaare sollten, bliebt aber unklar.

Der englischsprachige Artikel im Magazin Physical Antropology ist leider kostenpflichtig. Aber eine italienische Webseite (deutsche Übersetzung), die italienische Ausgabe des Fokus (hier die deutsche Übersetzung). Ein sehr interessanter, deutschsprachiger, Artikel findet sich auf ZM Online (ZM steht für Zahnärztliche Mitteilung) – dem Informationsmedium für Zahnärzte. Dort sind auch Fotos der aufgebohrten Zähne zu finden. Einige Informationen sind zudem in diesem deutschsprachigen Spiegel Online-Artikel zu beiden Funden nachzulesen.

Noch ein aufgebohrter Zahn

In ZM-Online gibt es diesen Artikel, der sich mit einem noch älteren Fund beschäftigt. Der kariöse Weisheitszahn eines Menschen, der vor mindestens 14.000 Jahren lebte, wurde wohl ebenfalls aufgebohrt. Interessant ist an beiden Funden, dass die Eingriffe zu einer sehr frühen Zeit stattfanden (bisher kannte man nur einen Fund aus Pakistan, wo vor 6500 Jahren ein Zahn aufgebohrt und mit einer Füllung auch Wachs verschlossen worden war). Dieser Artikel in ZM Online geht näher auf dieses Thema ein, wobei dort ebenfalls Bitumen erwähnt wird.


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Zudem gerät die These, dass Karies erst in der späten Jungsteinzeit (vor ca. 12.000), als die Leute sesshaft wurden und Getreide als Nahrung nutzten, ins wanken. Entweder war die Ernährung damals viel früher umgestellt. Oder auch die frühen Jungsteinzeitmenschen litten bereits unter Karies.

Der Neandertaler kannte ‘Aspirin’

In den Artikeln zu obigem Thema wird auch erwähnt, dass es in der ferneren Vergangenheit noch nicht die Betäubungsmittel der modernen Zahnmedizin gab. Dies stimmt zwar, aber der Mensch kannte seit frühester Zeit Rauschmittel wie Alkohol und vermutlich auch andere, schmerzstillende Substanzen. In Pflanzen der Steinzeit sind eine Reihe Heilpflanzen, auch Mohn, genannt. Möglicherweise war auch schon Opium bekannt. Auch hier werden schmerzstillende Pflanzen genannt.

Selbst die Neandertaler kannten ‘Aspirin’. Bei Recherchen bin ich auf diesen Beitrag aus der Online-Ausgabe der Welt gestoßen. Forscher analysierten den Zahnstein von Neandertaler, um deren Ernährungsgewohnheiten zu entschlüsseln. Ein Individuum hatte wohl einen Zahnabzess, der ziemlich schmerzhaft gewesen sein muss. Im Zahnstein fand man DNA-Reste der westlichen Balsam-Pappel (Populus trichocarpa). Die Wissenschaftler, die die Zähne untersuchten, folgerten, dass der Neandertaler Papel-Zweige und Blätter gekaut und gegessen haben musste. Diese Nahrung enthält aber Salicylsäure, der gleiche Stoff, auf dem auch Aspirin (allerdings in höherer Konzentration) basiert. Also selbst die Neandertaler kannte bereits medizinische Pflanzen mit heilender und schmerzstillender Wirkung.

Faszinierend, finde ich! Und wir bilden uns ein, wir leben in modernen Zeiten, während früher finstere Zeiten waren. Sicher war es kein Zuckerschlecken, und recht beschwerlich, in der Steinzeit, oder zu Zeiten der Ägypter, Römer oder Griechen zu leben. Aber dumm und hilflos waren unsere Altvorderen gewiss nicht.


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