Kautabak „Naswar“: Krebsrisiko mehr als 20-fach erhöht

GesundheitKautabak ist in Deutschland nicht sonderlich populär. Aber in Schweden gilt ein strenges Rauchverbot, so dass dort Männer zu Snus greifen. In in Pakistan oder Afghanistan ist dagegen der Kautabak Naswar der Renner. Der Genuss dieses Kautabaks geht aber mit einem 20-fach erhöhten Krebsrisiko einher.


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Nachdem Rauchen immer mehr verpönt wird, weichen manche Zeitgenossen wohl auf Kautabak aus. Das gilt wohl auch für Schweden. In kaum einem anderen Land als Schweden sind die Rauchverbote restriktiver – Rauchen ist dort gesellschaftlich geächtet.

Besonders Männer greifen deshalb zu Snus – einem Gemisch aus Tabak, Wasser, Salz und Aromen, das innerhalb der EU nur in Schweden gewerblich in Umlauf gebracht werden darf.

Snus in Schweden

Die kleinen Beutelchen werden hinter der Ober- oder Unterlippe platziert, der Speichel löst die Inhaltsstoffe, das Salz fördert deren Aufnahme über die Schleimhäute in die Blutbahn und die Wirkung des Nikotins entfaltet sich im Gehirn. Für viele Schweden gilt Snus als weniger gesundheitsschädliche Alternative zum Rauchen oder gar als Mittel zur Rauchentwöhnung.

Eine Reihe von Studien findet entweder kein oder ein „nur“ leicht erhöhtes Risiko für Mundhöhlenkarzinome oder andere Krebsformen. Eine Erklärung: Da Snus nicht geraucht wird, werden keine schädlichen Verbrennungsprodukte des Tabaks aufgenommen. Allerdings: Das Suchtpotential des Nikotins bleibt.

Naswar hat ein 20-fach höheres Krebsrisiko

In Pakistan, Afghanistan und anderen zentralasiatischen Ländern ist dagegen Naswar als Kautabak der Renner. Ein Päckchen mit der grünen Paste kostet nur einen Bruchteil des Preises für eine Packung Zigaretten. Entsprechend populär ist das Gemisch aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und verschiedenen Aromastoffen bei der Bevölkerung.

Doch diese Nikotinquelle birgt Gefahren, wie BIPS-Wissenschaftler im Rahmen einer Studie in Pakistan nachweisen konnten. So ist das Risiko für Mundhöhlenkarzinome bei Naswar-Konsumenten im Vergleich zu Nicht-Konsumenten mehr als 20-fach erhöht.

Pakistan hat eine der höchsten Häufigkeiten von Mundhöhlenkarzinomen weltweit. Der Zusammenhang mit Naswar war daher naheliegend. Daher wollten Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am BIPS, und sein Team nachweisen und quantifizieren, wie der Genuss von Naswar das Krebsrisiko erhöht.


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Die BIPS-Studie wurde zwischen September 2014 und Mai 2015 in der ländlich geprägten Khyber Pakhtunkhwa Provinz an der Grenze zu Afghanistan durchgeführt. Dabei handelte es sich um eine Fall-Kontroll-Studie, in der eine Stichprobe an Mundhöhlenkrebs erkrankter Personen (Fall) mit einer Stichprobe gesunder Personen (Kontrolle) verglichen wurde. Die umfangreichen Befragungen vor Ort in zwei großen Städten führte ein Team unter Anleitung des vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) geförderten Wissenschaftlers Zohaib Khan durch, der selbst aus Pakistan stammt und entsprechend mit Sprache und Kultur dort vertraut ist.

Hohes Krebsrisiko durch Naswar-Konsum

„Die Ergebnisse unserer Studie sind deutlich. Im Vergleich zu Personen, die noch nie Naswar konsumierten, haben Personen, die zum Zeitpunkt der Studie oder in der Vergangenheit Naswar konsumierten, ein mehr als 20-fach erhöhtes Risiko, Mundhöhlenkarzinome zu entwickeln“, sagt Hajo Zeeb. „Natürlich haben wir auch andere Risikofaktoren untersucht. Alkoholkonsum etwa hatte kein höheres Risiko zur Folge, während das Rauchen von Tabak das Risiko für Mundhöhlenkrebs ‚nur‘ verdoppelte. Naswar-Konsum stellte jedoch alle Risikofaktoren in den Schatten. Etwa 70 Prozent aller Fälle von Mundhöhlenkrebs in der Studienregion ließen sich auf Naswar zurückführen.“

Doch warum ist das Risiko bei Naswar im Vergleich etwa zum schwedischen Snus so massiv erhöht? „Hier spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle“, vermutet Hajo Zeeb. „Zum einen hat Naswar einen relativ hohen Anteil schädlicher, tabakspezifischer Nitrosamine verbunden mit einem hohen Nikotingehalt. Viel suchtförderndes Nikotin lässt Konsumenten also häufiger zu einem schädlichen Produkt greifen. Zum anderen bewirkt der hinzugesetzte Löschkalk einen Anstieg des pH-Wertes ins alkalische Milieu, was Freisetzung und Aufnahme des Nikotins fördert. Der alkalische pH-Wert schädigt aber auch die Schleimhaut, bewirkt also Läsionen im Gewebe, die immer auch ein Risikofaktor für Krebs sind. In Snus ist Kalk nicht enthalten.“ Zudem enthält auch die hinzugesetzte Asche Schwermetalle, welche die Toxizität von Naswar erhöhen.

Die vorhandenen Studiendaten erlauben weitere Auswertungen, etwa zu Mundhygiene, Naswar und Mundhöhlenkrebs. Aus den Ergebnissen der Studie haben sich aber auch schon erste Konsequenzen ergeben, denn die Provinzregierung in der Studienregion in Pakistan hat ihre Tabakkontrollpolitik erstmalig auch auf rauchfreien Tabak ausgedehnt. Das Studienteam um Zohaib Khan und Hajo Zeeb plant derzeit weitere kooperative Forschungen dazu, wie die Tabakkontrolle in Pakistan besser unterstützt und umgesetzt werden kann.

Die Originalpublikation „Oral cancer via the bargain bin: The risk of oral cancer associated with a smokeless tobacco product (Naswar)”, Zohaib Khan et al., ist erschienen in PLOS ONE.


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