34.000 Jahre alte Elfenbein-Venus aus Sachsen-Anhalt

Auch in Sachsen-Anhalt lebten in der Altsteinzeit Menschen, die der Kunst zugetan waren. Im Jahre 2012 wurden mehrere Elfenbeinfragmente entdeckt, die erst kürzlich von Grabungsleiter Dr. Olaf Jöris und seinem Team als Bruchstücke einer sogenannten „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt wurden. Sie stellen die ältesten Funde dieser Art außerhalb Süddeutschlands dar.


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Die aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Venus aus der Hohle Fels-Höhle auf der Schwäbischen Alb gilt als älteste Menschenfigur der Welt. Die Figur wurde vor 31.000 bis 35.000 Jahren gefertigt (siehe auch hier). Aber auch Sachsen-Anhalt hatte seine schnitzenden Altsteinzeitler, wie man jetzt weiß.

Im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojektes führt das Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt seit 2009 Ausgrabungen auf dem früh-jungpaläolithischen Fundplatz Breitenbach bei Zeitz im Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt) durch, wie man hier nachlesen kann.

Die Mammutelfenbeinwerkstatt

Die Grabungsstelle erwies sich dabei als besonders ergiebig für Funde aus der Altsteinzeit. Bei Ausgrabungen wurde 2012 auf dem Fundplatz bei Breitenbach nahe Zeitz eine Mammutelfenbeinwerkstatt entdeckt. Dort wurden winzige Perlen aus der ältesten Elfenbeinwerkstätte der Welt mit klar voneinander abgegrenzten Arbeitsbereichen nachgewiesen. Verarbeitet wurde in dieser Werkstatt nicht nur „frisches“, sondern auch sehr viel älteres Mammutelfenbein, das offensichtlich vor deutlich mehr als 200.000 Jahren in Breitenbach angespült und abgelagert worden war.

Die Venus von Breitenbach

Aus dieser Grabungskampagne von 2012 stammen auch verschiedene Elfenbeinfragmente, die jetzt zu einem Sensationsfund wurden. Es handelt sich um drei kleine, nur zwischen 1,4 cm und 1,8 cm große, auf den ersten Blick sehr unscheinbare, jedoch sorgfältig oberflächig bearbeitete und polierte Elfenbeinfragmente.

Projektion der Breitenbacher Elfenbeinfragmente auf die Oberschenkel und Brustpartie der »Venus vom Hohle Fels« und einer Venusfigur aus Elfenbein von der Fundstelle Kostenki 1
Projektion der Breitenbacher Elfenbeinfragmente auf die Oberschenkel und Brustpartie der »Venus vom Hohle Fels« und einer Venusfigur aus Elfenbein von der Fundstelle Kostenki 1 [Quellenangabe: Fotos „Venus vom Hohle Fels“, Breitenbacher Elfenbeinfragmente (links und rechts): J. Lipták (München); Foto Venus Kostenki 1 (Mitte): MAE (Kunstkamera) RAS, St. Petersburg, Russia, MAE #4464-1]

Diese Bruchstücke wurden von Grabungsleiter Dr. Olaf Jöris und seinem Team kürzlich als Fragmente einer sog. „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt. Die sorgfältig polierten Elfenbeinfragmente werden auf ein Alter von 34.000 Jahren geschätzt und lassen sich mühelos in vollständig erhaltene Figuren einpassen, wie sie etwa aus dem „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb bekannt sind (siehe obige Abbildung).

Zum Hintergrund

Vor etwas mehr als 40.000 Jahren besiedelte der moderne Mensch, Homo sapiens, erstmals Europa. Er traf dort auf Populationen von Neandertalern, die er nach und nach verdrängte, wenngleich es auch einen begrenzten genetischen Austausch zwischen beiden gab. Mit dem Auftreten des modernen Menschen lassen sich in Europa erstmalig Schmuck und Kunst nachweisen.


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Freilandfundstellen aus dieser frühen Phase des Jungpaläolithikums sind relativ selten erhalten. Die meisten Funde dieser Zeit stammen daher aus Höhlen, die jedoch durch spätere Nutzung vielfach überprägt sind. Im ausgehenden Aurignacien lag Breitenbach wegen der eiszeitlichen Vergletscherung am nördlichsten Rand der bewohnten Welt.

Im Aurignacien waren plastisch gearbeitete Statuetten bislang nur aus Höhlen der Schwäbischen Alb bekannt. Erst mit dem nachfolgenden „Gravettien“ (ca. 33.500 – 23.500 vor heute) finden sich figürliche Plastiken dann im gesamten eurasischen Raum.

Die Funde von Breitenbach zeigen, dass figürlich gearbeitete Plastiken im Aurignacien Teil einer Tradition sind, die in Mitteleuropa entstand und nicht allein auf den süddeutschen Raum begrenzt war. Daneben zeigen sie, dass sich diese Idee erst mit dem Übergang vom Aurignacien zum „Gravettien“ ausbreitete. Breitenbach steht damit an der Wende eines überregionalen kulturellen Umbruchs, der sich wohl als ein Wandel der damaligen Weltanschauungen und des sozialen Miteinanders verstehen lässt.


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