Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno

Am 6. August 1969 starb Theodor W. Adorno in Visp – ein Ereignis, welches seinerzeit an mir (damals 14 jährig) ziemlich vorbei ging. Von der Studentenbewegung der 68er, die ‘Busenattentat’ auf Adorno und so weiter, habe ich nur am Rande etwas gehört. Durch Zufall bin ich Sonntag durch einen Artikel in der FAZ auf Adorno, Marxist, Komponist und Philosoph aufmerksam geworden.


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Angesichts des 50. Todestags von Theodor W. Adorno werden aktuell einige Artikel in deutschen Zeitungen veröffentlicht.

Theodor W. Adorno, wer war er?

Dabei wurde Theodor Ludwig Wiesengrund am 11. September 1903 in Frankfurt am Main, also gar nicht so weit von meinem jetzigen Wohnort geboren. Der junge Theodor Ludwig wuchst in großbürgerlichen Verhältnissen in Frankfurt auf. Der Vater, jüdischer Abstammung, war ein Weinhändler. Die Mutter war die Sängerin Maria Calvelli-Adorno, die ihrem einzigen Kind eine gute musikalische Ausbildung angedeihen ließ. So arbeitete Theodor Ludwig Wiesengrund, der als hochbegabter zwei Klassen übersprang und mit 17 Jahren bereits sein Abitur in Frankfurt baute, als Komponist und Musikkritiker. Aber er pflegte in Jugendjahren auch Hegel und Kant zu lesen.

An der Universität Frankfurt belegte er ab 1921 Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie; zur gleichen Zeit begann er seine Tätigkeit als Musikkritiker. Durch die Nationalsozialisten war er gezwungen, bereits 1934 nach Oxford zu gehen und im Jahr 1938 emigrierte er in die USA. Dort nahm er bei seiner Einbürgerung den Namen der Mutter, Adorno, an. Das W im Namen Theodor W. Adorno steht für Wiesengrund. Ein breiter Abriss seines Lebens und Schaffens findet sich in der Wikipedia.

Gestorben, am Fuße des Matterhorns in Visp

Ich bin am Sonntag in der FAZ auf diesen Artikel zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno gestoßen. Da der Name mir schon geläufig war, habe ich diesen Beitrag, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, gelesen und war fasziniert. Auf so eine Idee kann nur die Redaktion einer Tageszeitung wie die FAZ kommen. Die haben, so ist zumindest dem Artikel zu entnehmen, einen Redakteur in die Schweiz, ins Wallis, in den Urlaubsort Zermatt geschickt. Der Ort Zermatt liegt auf 1.600 Meter Höhe, am Fuße des Matterhorns, und war das Urlaubsziel von W. Adorno im Jahr 1969.

Zermatt am Fuße des Matterhorns

(Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 2.5, Andrew Bossi)

Der Redakteur versuchte dann in Zermatt den Erinnerungen nachzuspüren, die man dort an den vor 50 Jahren logierenden Gast hatte. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, niemand kann mit Adorno und den Umständen seines Todes etwas anfangen. Das Tourismusbüro hat keine Erinnerungen, das Museum nicht und auch im Krankenhaus in Visp wurden die Akten längst vernichtet. Im Hotel Bristol ist der Seniorchef vor Jahren verstorben, die junge Generation kann mit Adorno nichts mehr anfangen.


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Damit wäre die Geschichte zu Ende, wenn, ja wenn der Redakteur nicht die Seniorchefin des Hotel Bristol, Heidi Perren, in der Bar getroffen hätte (hoffe, es war kein Claas Relotius beteiligt). Ab da beginnt die Geschichte spannend zu werden. Der Leser erfährt, dass Adorno herzkrank und überarbeitet war. Und Heidi Perren kann sich an die Adornos noch gut erinnern, die wohnten in Zimmer 30. Ab da beginnt die Rekonstruktion der letzten Tage Adornos und der staunende Zeitgenosse erfährt, dass auch große Denker wie Adorno mit Halbpension im Bristol abgestiegen sind.

In früheren Jahren urlaubten die Adornos in Sils Maria, im Engadin, aber jetzt musste es Zermatt sein. Und dann gab es die Bergtour, die die Adornos unternahmen. Laut einem Foto fuhren die Adornos per Bergbahn hoch zur Mittelstation des Breithorns gefahren. Jedenfalls gibt es ein Foto von einer Rast auf der Gandegghütte, die 3029 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Und der Leser erfährt, dass Adorno Probleme mit seinen Wanderschuhen hatte. Da der örtliche Schuster nicht helfen konnte, fuhr man am 5. August 1969 ins Tal, nach Visp. Dort scheinen Herzbeschwerden eingesetzt zu haben. Die Adornos fuhren ins Krankenhaus nach Visp, wo Adorno die Nacht blieb. Am 6. August 1969 verstarb er um 11.20 Uhr an einem Herzinfarkt in diesem Krankenhaus.

Ziemlich profanes Ende für einen Menschen, dessen Texte heute noch neu aufgelegt werden. Vor 10 Jahren, zum 40. Todestag, ist dieser interessante Artikel in der Welt erschienen, der auch der Frage nachging, woran Adorno gestorben ist – am Stress in den 69 Jahren, oder an den Folgen der Bergtour und dem Stress für das Herz durch die Höhenwechsel. Die Neue Züricher Zeitung führt das Ganze in diesem Artikel geraffter auf. Ein weiterer Artikel mit einem Interview eines Zeitzeugen findet sich in der Frankfurter Rundschau. 

Auch wenn ich mit den Schriften Adornos wohl wenig anfangen kann – als Schmalspur-Abiturient bin ich gerade mal bis Dürrenmatt gekommen – ziehe ich meinen virtuellen Hut vor einem großen Geist, der ein bewegtes Leben gehabt hat. Aber es bleiben auch banale Erkenntnisse, dass auch große Geister in den täglichen Niederungen des Lebens gefangen sind. Eine Geliebte, die von Frau Adorno geduldet aber nicht akzeptiert hatte, verließ ihn. Ein Buch wurde nicht fertig – und dann noch der ganze Brass mit den Studenten im Jahr 1969. Das geht womöglich nicht spurlos an einem Menschen vorbei. Der Tod Adornos hat wohl viele Weggefährten überrascht, seine Witwe wurde aus dem ‘Leben gerissen’ und auch 50 Jahre nach seinem Ableben beschäftigt der Mann noch die Feuilletons der Tageszeitungen. 


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