Zielgruppe Senioren besser verstehen

Spannende Frage: Was ist die Zielgruppe der Senioren und was sollten Firmen wissen, wenn sie diese Zielgruppe erreichen möchten. Mir ist da kürzlich was unter die Augen gekommen und ich habe meine eigenen Gedanken dazu.


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Ja, ja, die 'Zielgruppe der Senioren' – jeder will sie erreichen und möglichst von deren Kaufkraft profitieren. Die Tage bin ich über nachfolgenden Tweet von Alexander Wild gestoßen, der sich in einem Interview über diese Fragen auslässt.

Dazu sollte man wissen, dass Alexander Wild der Gründer des Portals Feierabend.de ist. Er beschäftigt sich seit 1998 mit dem Thema 'Senioren' aus dem Blickwinkel des Portals, weiß also schon, wovon er spricht. Die Botschaft der verlinkten Seite an die Designer von Produkten ist, dass diese sich mit der Zielgruppe auseinander setzen und diese verstehen lernen sollen.

Anmerkung: Ich selbst kenne Alexander Wild seit ca. 2001/2002 von diversen Treffen in der Feierabend-Redaktion und bin bei diesem Portal seit dieser Zeit auch mit einem Mitgliedskonto vertreten – aber nicht sehr aktiv. Aber seit dem 'ersten Kennenlernen' sind knapp 20 Jahre vergangen, und das 'Seniorentum', was damals noch 'weit weg schien' hat uns beide nun wohl eingeholt. Inzwischen können wir beide nun eigene Erfahrungen in solche Betrachtungen einfließen lassen.

Gibt es die Zielgruppe der Senioren?

Ja klar, Senioren sind die, die irgendwie alt sind – das ist die Vorstellung der meisten Menschen. Manchmal schwingt dann noch so ein wenig 'Ok, Gehstock, Rollator und Seniorenwohnheim' in der Vorstellung mit. Enkel können dann noch was mit Oma und Opa anfangen. Aber taugen diese Stereotypen überhaupt? Oma oder Opa kann man auch mit um die 40 werden, wenn die Biologie zwei Mal recht früh zuschlägt. Und mit dem Bild der 'Zielgruppe der Senioren' gibt es auch so einige 'Zielkonflikte'. Hier einfach mal einige Geschichten aus meiner Mottenkiste, die die Schwierigkeiten beleuchten.

Machen wir jetzt nur noch in Senioren?

Ich selbst befasse mich mit der Zielgruppe der Senioren seit ungefähr 2000/2001, als ich meinem Verlag einen Vorschlag für ein Einsteiger-Buch zum Thema Internet macht und plötzlich gefragt wurde, ob ich das Buch nicht 'für Senioren machen könne'. Nun ja, im Jahr 2000 war ich gerade einmal 45 Jahre und habe schon geschluckt – 'schreibst Du jetzt für die 80 jährigen im Altersheim?' schoss mir der Gedanke durch den Kopf. Als ich dann mit meinen Recherchen begann, kam der Schock: Im Sport werden Leute im Alter von 45 Jahren den 'Senioren' zugeschlagen – und ab 50 beginnt wohl die Zielgruppe der Senioren. Ups, ich war also schon 'in der Zielgruppe angekommen'. Konnte ich mir nicht vorstellen …

… nun ja, der Titel ist in der ersten Auflage im Februar 2001 erschienen – und hat viele Jahre 'gelebt' und einige Neuauflagen gesehen. Als ich dem Verlag dann den Vorschlag machte, eine Buchreihe 'leichter Einstieg für Senioren' zu machen – vernahm ich 'im Hintergrund' deutlich vernehmbar 'machen wir hier nur noch in Senioren' – also auch im Verlag gab es gewisse Widerstände im Hinblick auf dieses Thema …

Pointen am Rande

Die Buchreihe wurde von mir dann doch realisiert und lebt noch heute bei Markt+Technik (ein Nachfolgeverlag des ursprünglichen Unternehmens) sowie in leicht veränderter Form beim dPunkt-Verlag (unter dem Label O'Reilly). Eigentlich war die Buchreihe recht erfolgreich und wurde oft vom Mitbewerb 'kopiert'. Aber die obige Episode zeigt, wie schwierig das Thema in Firmen doch ist.

Und es gibt eine zweite Beobachtung: Die Zielgruppe will keineswegs als Senioren wahrgenommen und so angesprochen werden. Als ich den Blog hier mit 'Günnis Seniorentreff' aus der Taufe hob, gab es oft Kritik, was der Titel soll. Mit 50 sei man doch noch kein Senior – worauf ich den Titel in 'Guennis (Senioren-)Treff 50+' geändert habe. So kann sich jeder finden und der Mecker hat diesbezüglich nachgelassen.


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Auch in den Senioren-Computerkursen, die ich ab 2002 ehrenamtlich abgehalten habe, wollten die Teilnehmer/innen nicht als 'Senioren' angesprochen werden. Die Herrschaften waren aber alle schon im Ruhestand und es gab meinerseits vergnügliche Erfahrungen. Wir haben bei den Einsteigerkursen aus didaktischen und Platzgründen immer zwei Teilnehmer an einen Computer gesetzt. War ein Ehepaar in einem meiner Kurse, musst ich peinlich darauf achten, die Beiden zu trennen und an zwei Rechner mit anderen Partnern zu setzen. Denn andernfalls gab es 'Mord und Totschlag' – der Mann wusste halt alles, aber Frau sollte machen 'Du musst da klicken, nein, das machst Du falsch, Herrgott, das geht doch so' – und wenn dann die männliche Hand mit der Maus kämpfte, kam 'Du weißt alles besser, aber nicht mal mit der Maus kannste klicken'.

War immer schlimmer als beim Tanzen, wie ich aus Erfahrung weiß. Ich habe jahrelang 'wie ein Gott' getanzt – so quasi kurz vor der Weltmeisterschaft – und meine Frau wollte immer führen. Das ging nie gut und wir sind theoretisch in dieser Phase gefühlt 1.000 Mal geschieden worden. 'Dann tanz doch mit der …, wenn die sich führen lässt … mir doch egal, ob Du Weltmeister wirst'. Nun ja ich habe da Tanzen aufgegeben (mit dem Mädel bin ich seit 45 Jahren immer noch liiert und es ist seit dem entspannter), und wenn ich die Ehepaare im Computerkurs getrennt habe, war auch Ruhe im Karton. Die Männers waren mit fremden Partnern plötzlich lammfromm – und die Frauen haben sich entspannt an diesem Computer ausprobiert. In solchen Situationen lernste halt was für's Leben.

Auch 45 Plus geht

Und es gibt noch eine vergnügliche Beobachtung meinerseits: Ich bin ja der Meinung, dass so mancher Zeitgenosse ab 45 auch ganz gut mit Produkten für die Zielgruppe der Senioren bedient wäre – auch wenn man das nicht wahrhaben will. Galt zumindest vor ca. 17 Jahren für meine Computerbücher – wo ich sowohl Einsteigerbücher für die Zielgruppe der Senioren als auch Einsteigerbücher für jünger Leser/innen verfasst habe.

Zu dieser Zeit habe ich mich, speziell an offenen Sonntagen, immer gerne inkognito in eine Buchhandlung gesetzt und Mäuschen gespielt. Denn in den großen Buchhandelsketten lagen meine Bücher in großen Stapeln in den Computerbuchabteilungen der Händler auf den Tisch, wo Literatur aus der Bestseller-Kategorie zur Ansicht präsentiert wurde. So konnte ich manchmal was lernen und am Montag auch gleich dem Vertrieb stecken, wenn an der Präsentation was nicht stimmig war oder Titel fehlten – gehörte zum Geschäft eines Autors, wenn er von seinen Büchern leben will.

An einem Sonntag saß ich so 3 Meter von einem solchen Büchertisch entfernt, wo gleich mehrere Titel von mir ausgelegt waren. Ein etwa 45 jähriger Mann kam am Tisch vorbei geschlendert und blätterte einige Computerbücher durch. Mit dabei waren auch ein allgemeiner Einsteigertitel und ein Einsteiger-Seniorentitel aus meiner Feder. Beim Seniorentitel blieb der Gute hängen und las sich ein – bis seine deutlich jüngere Begleiterin aufkreuzte. Schnell wurde der Seniorentitel weggelegt und ein anderer Titel in die Finger genommen. Dann zog das Pärchen weiter …

aber nach 2 Minuten kam der Mann alleine wieder und griff sich zielgerichtet das Senioren-Computer-Einsteigerbuch, um sich intensiv darin zu versenken. Gut, ich kannte ja beide Titel – inhaltlich waren die gleich strukturiert. Aber den Seniorentitel hatte ich von den Erklärungen noch einsteigerfreundlicher angelegt und in Großdruck auflegen lassen. Intuitiv hätte ich aus der Situation geschlossen 'das ist der richtige Titel für den Interessenten' und wollte schon aufstehen, um den Leser nach seinen Vorstellungen zu befragen. Da schoss die jüngere Partnerin von hinten heran und zischte 'was willst Du denn mit dem Seniorenzeugs'  … worauf der Angesprochene das Buch mit rotem Kopf wie eine heiße Kartoffel auf den Bücherstapel fallen ließ, sich flugs umdrehte und aus dem Laden verschwand.

Der Rollator für den Wald

Ich betreibe seit ca. 20 Jahren intensives Nordic Walking in den Wäldern in Nähe meines Wohnorts. Über die Jahre habe ich Menschen, die mir fasch täglich begegnen, altern sehen. Eine Dame kenne ich seit ca. 20 Jahre vom Sehen im Sport und bin ihr auch oft im Wald – während meiner Touren – begegnet. Sie ist dann immer für viele Stunden gewandert. Irgendwann meinte sie zu mir 'Ich muss den Sport aufgeben, das ist mir zu anstrengend'. Aber im Wald habe ich sie immer noch gesehen, wenn sie auf langen Wandertouren unterwegs war.

Vor gut drei Jahren kam die Dame, die ich inzwischen zwischen 80 und 90 schätze, mir mit einem Rollator entgegen. Zum reinen Wandern reichte die Kraft nicht mehr, aber die Dame hatte sich einen Rollator besorgt, mit dem sie auch heute noch mehrstündige Wanderungen unternimmt. Als ich mich mit ihr so unterhielt, meinte sie 'Ich habe mir einen Rollator mit extra großen Rädern gekauft, damit ich auch im Wald unterwegs sein kann'. Das habe ich interessiert zur Kenntnis genommen und gedacht: Das machst Du auch, wenn es soweit ist.

Beim Schreiben dieses Texts wurde mir klar: Da ist es, das Mapping eines Produktherstellers auf die Bedürfnisse der Zielgruppe. Hersteller von Rollatoren und Rollatormodelle gibt es wie Sand am Meer. Aber einen 'geländetauglichen' Rollator (nennt sich Outdoor-Rollator, da kann man richtig viel Geld lassen) hatte ich bisher noch nicht gesehen und ist wohl auch nur bei einer Minderheit von Händlern im Angebot. Hab mal kurz recherchiert – es gibt wohl einige Modelle – manche mit großen Luftreifen, andere mit Carbon-Rädern, klappbar und mit Leichtgewicht-Rahmen. Irgendwie echt fazinierend, da könnte man sich Stunden lang mit befassen – hat bei mir aber hoffentlich noch einige Tage Zeit, bis das ansteht.

Und die Quintessenz

Genug Geschichten erzählt, schließen wir den Kreis. Schon Luther wusste, als er die Bibel schrieb, 'schau dem Volk auf's Maul' – und genau so ist es. Die Botschaft von Alexander Wild im oben erwähnten Interview ist: Lernt die Zielgruppe zu verstehen und findet heraus, wie diese tickt. Nur dann könnt ihr die Zielgruppe erreichen.

Ich würde noch eine persönliche Erfahrung dazu geben, da ich mit jetzt 65 nicht nur in der Zielgruppe angelangt bin, sondern mich auch noch Opa titulieren lassen muss. Hier die Erkenntnis:

Es ist schnurz piep egal, wie man das nun alles nennt, ob Senioren oder nicht – es gibt nicht die homogene Zielgruppe 'Senioren'. Ich habe 40 Jährige erlebt, wo Seniorencomputerbücher der absolut passende Einstieg gewesen wären. Und es gab 80 jährige Leser, die mir zu meinen absoluten Fachbüchern Löcher in den Bauch gefragt haben.

Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Meine Frau sagt 'Du bist ein Kindskopf geblieben' – könnte sie Recht haben, mental will ich immer noch die Welt aus den Angels heben, so wie mit 20 – aber nun hat's Rücken und ich hätte auch kein Problem, einen Rollator zu benutzen, wenn es erforderlich wäre.

An die Leser/innen der Zielgruppe: Ihr seid so jung, wie ihr euch fühlt, aber verfallt nicht den Eitelkeiten des Jugendwahns, sondern nutzt den Luxus, dass es inzwischen Produkte für die Zielgruppe der Älteren gibt. Und nein, man muss nicht ab 50 bis zum Sarg im grauen Popelin-Look herum laufen – wenn es halt Spaß macht, kann man sich auch mit 70+ noch einen Nasenring verpassen lassen – nur auf Tattoos solltet ihr aus gesundheitlichen Gründen verzichten.

An die Anbieter bzw. Entwickler von Produkten die Botschaft: Löst euch von der Vorstellung 'es gibt die Zielgruppe der Senioren'. Lernt zu verstehen, wie die Altersgruppe, auf die ihr zielt, tickt, geht auf Augenhöhe auf die Leute zu und bietet Produkte an, die für die Kunden einen Vorteil bieten. Dann ist es egal, ob da ein Branding Senior drauf ist oder nicht.


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Eine Antwort zu Zielgruppe Senioren besser verstehen

  1. Mance sagt:

    Leute, einfach keine Zielgruppe sein. Macht einfach Euren Stiefel und lasst Euch nicht in eine Schublade schieben.

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